Ein österreichischer Abgeordneter arbeitet sich an der deutschen Kanzlerin ab: Mit ihrer Politik kompensiere Angela Merkel bloß ihre Kinderlosigkeit, sagt Marcus Franz. Marcus wer?

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Manche Leute möchte man liebend gern ignorieren. Auf der Liste dieser Leute steht Marcus Franz ganz oben. Immer wieder nimmt man sich vor, ihm, seinem seltsamen Weltbild, seiner Genitalfixiertheit und abgrundtiefen Frauenverachtung bloß keine Beachtung zu schenken.

Aber dann schreibt man, zum wiederholten Mal, schon wieder über ihn. Man muss. Denn Marcus Franz ist kein Sonderling aus dem Nachbarhaus, der einem ab und zu beim Altglas-Container begegnet, einen mit wirren sexistischen Sprüchen belästigt und dabei womöglich noch zu grapschen versucht. Nein, er sitzt im Nationalrat und bekommt dafür jeden Monat 8583 Euro aus Steuergeld. Reinhold Lopatka holte den Überläufer aus dem Team Stronach letztes Jahr stolz in die ÖVP – als Stärkung des „christlich-konservativen“ Flügels seiner Partei. Dort war Franz, allen Ernstes, bis gestern, für die christdemokratische Gesundheitspolitik zuständig („Homosexualität ist amoralisch“), sowie für gesellschafts- und familienpolitische Fragen („Pograpschen kann zur Heirat führen“).

Wieder einmal offenbart Herr Franz nun sein Verhältnis zu Frauen. Speziell zu großen Frauen. Denn dass Angela Merkel eine Große ist – das müssen auch jene zugestehen, die politisch nicht im christdemokratischen Lager stehen. Merkel trägt, als mächtigste Person Europas, große Verantwortung auf ihren Schultern. Anders als Regierende in vielen anderen Ländern, ist sie sowohl fähig als auch willens dazu. Man kann ihre Politik in der Flüchtlingskrise in vielerlei Hinsicht kritisieren. Doch selbst ihre Gegner erkennen an: Angela Merkel denkt in größeren Zusammenhängen, über den Tag und über die engen nationalstaatlichen Grenzen hinaus. Sie hat einen längerfristigen Plan, von dem sie zutiefst überzeugt ist, und wird nicht müde, in mühseligen Verhandlungen Verbündete dafür zu suchen. Sie lässt sich nicht von Umfragedaten treiben. Allen Verlockungen, billige Punkte zu machen und auf Kosten anderer gut dazustehen, widersteht sie tapfer.

Ehrlichkeit im Ton, Klarheit in der Sache, plus glaubhafte moralische Prinzipien: Jenen Menschen, die all das mitbringen, schreibt man überall auf der Welt Autorität zu, und überträgt ihnen die Führungsrolle. Gerade in Krisensituationen.

Dass es Menschen, speziell Männer gibt, die es nicht ertragen, wenn eine solche Führungsrolle von Frauen ausgefüllt wird, ist nicht neu. Uralt ist auch die Waffe, zu der diese Männer in solchen Momenten am liebsten greifen: Sie wechseln von der intellektuellen auf die körperliche Ebene, und zielen auf den Unterleib. Die politischen Ziele einer Person, ihre Argumente – all das kann man mit einem schlichten Hinweis auf ihre Geschlechtsorgane für irrelevant erklären. Weil es bei Frauen ja nicht auf den Kopf ankommt, sondern auf Eierstöcke und Gebärmutter. Weil alles, was sie denkt und tut, bloß ein Ergebnis ihrer hormonellen Zustände und körperlichen Funktionen ist. Und wenn sie eine öffentliche Aufgabe anstrebt, Macht, sich womöglich gar anmaßt, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen? Dann bekommt sie nicht etwa Respekt (wie ein Mann an ihrer Stelle). Sondern entweder Mitleid – weil sie bei ihrer eigentlichen Aufgabe, dem Gebären, versagt hat. Oder, noch schlimmer, Aggression – weil sie sich erdreistet hat, sich ihrer eigentlichen Aufgabe, dem Gebären, absichtlich zu entziehen.

Um es christlich zu sagen: In dieser Hinsicht war sogar die katholische Kirche im Mittelalter schon weiter. Die Nonnen in ihren Klöstern durften wenigstens noch in Ruhe Bücher lesen, Kräuter mischen, Kranke heilen und Kinder unterrichten, ohne als defizitäre Wesen geschmäht und zur Fortpflanzung genötigt zu werden.

Die ÖVP ist ihren Sonderling nun wieder losgeworden – Gott sei Dank. Im Nationalrat, der in unserem Namen Gesetze beschließt, sitzt er leider weiterhin.

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