Soziale Kontrolle ist der wirksamste Schutz gegen Kriminalität im öffentlichen Raum. Gemeinsam mit Polizei und robuster Sozialarbeit sollte das in Wien eigentlich zu schaffen sein.

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Seit an mehreren Orten in Wien mehrere schreckliche Verbrechen geschenen sind – die Vergewaltigung in einer Toilette am Praterstern, der nächtliche Eisenstangen-Mord am Brunnenmarkt, Schlägereien und Messerstechereien an Bahnhöfen und am Handelskai – reden wir über Angst und Sicherheit. Immer öfter hört man von Leuten, die den Prater, den Westbahnhof, den Reumannplatz, die Millenium-City oder bestimmte U6-Stationen meiden; zumindest zu gewissen Zeiten, zumindest in der Nacht, zumindest, wenn sie Frauen sind. Das ist neu in Wien.
Weltläufige Kosmopoliten mögen diese Angst belächeln, darauf verweisen, was anderswo längst normal ist, und sich damit brüsten, wie wenig sie sich von ein paar Drogendealern, Betrunkenen oder herumlungernden Jugendlichen aus der Ruhe bringen lassen: „Gehört alles dazu in einer Großstadt! Solang mir keiner was tut, ist’s mir egal!“ Das ist überheblich und dumm. Denn tatsächlich gibt es kaum etwas, das die Atmosphäre in einer Stadt stärker beeinflusst als die Frage, ob seine Bewohner unbeschwert an öffentlichen Orten verweilen. Ob man sich wohlfühlt. Oder ob man den Kopf zwischen die Schultern zieht, den Blick starr nach vorne gerichtet, und sich so zügig wie möglich von A nach B bewegt, mit einem „Nur niemanden anschauen, nur niemanden provozieren, es könnte ungut werden“ im Kopf.
Angst ist Gift für das Zusammenleben. Offen ist jedoch die Frage, wie viel das subjektive Sicherheitsempfinden mit der objektiven Sicherheit an bestimmten Orten zu tun hat. Und daran anschließend die wichtigste Frage überhaupt: Was tun, damit es besser wird?
Hier kann es sinnvoll sein, an die berüchtigte „Broken-Windows“-These zu erinnern. Die besagt, vereinfacht gesagt: Kleine Regelverstöße ziehen große nach sich. Wo es ohne Kosequenzen bleibt, wenn jemand Fenster einschlägt, in die Ecke kotzt oder Müll auf die Straße kippt, sinken die Hemmungen, den eigenen Müll dazuzuwerfen. Eine Umgebung, der man ansieht, dass Recht und Ordnung außer Kraft gesetzt sind, ermuntert potentielle Regelverletzer schließlich auch zu schwereren Straftaten.
Diese „Broken Windows“-These wurde in den vergangenen dreißig Jahren häufig missverstanden. Im Sinn von: Die Polizei müsse bei jeder Lappalie stets mit voller Härte dreinfahren; und je häufiger „auffällige“ Personen kontrolliert würden, desto besser. (In den USA hat dies dazu geführt, dass Schwarze oft unter Generalverdacht gestellt wurden, eine ganze Generation junger Männer wegen Bagatelldelikten jahrelang im Gefängnis saß, und das Verhältnis zwischen Bevölkerung und Polizei in manchen Städten nachhaltig zerrüttet ist.)
Falsch ist die „Broken Windows“-These deswegen nicht. Nach mehreren Jahrzehnten Forschung wissen wir heute jedoch genauer, wann und warum sie zu Erfolgen führt. Entscheidend ist demnach ein indirekter Faktor – nämlich die soziale Kontrolle.
Was einen öffentlichen Ort angenehm oder unangenehm macht, ist demnach vor allem die Erwartungshaltung an die anderen. Kann ich hier auf Hilfe zählen, wenn mir etwas unangenehmes passiert? Wird mir jemand beispringen? Oder fühlt sich der Regelverletzer sicher, dass alle wegschauen werden, aus Angst? Die Polizei spielt hierbei ebenfalls eine Rolle – aber eher eine indirekte. Ihre Präsenz bestärkt „Auffällige“ wie auch alle anderen darin, dass Regeln gelten, und dass nicht alles gleichgültig ist. So wie auch die sichtbare Gegenwart von Sozialarbeitern und mobilen Hilfsangeboten für Kranke, Süchtige, Gefährdete aller Art. Je mehr dabei kommuniziert wird, desto besser.
Hier schließlich ist der Punkt, an dem das subjektive Sicherheitsempfinden objektive Sicherheit erzeugt. Denn je mehr Normalbürger sich an einem neuralgischen Ort aufhalten, je selbstbewusster sie sich dort bewegen – desto enger wird der Raum für Regelverletzer. Am Praterstern, in der U6, und anderswo.

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