Es sind ganz normale Menschen, die öffentlich Gewalttaten gutheißen, und dafür viel Applaus bekommen. Es erscheint uns inzwischen ganz normal. Aber es ist nicht normal.

presse-kolumne

Ein seltsames Experiment war es, das uns das Fernsehen da am Montag abend vorsetzte. Ein Dilemma wie aus dem Ethik-Katalog: Unter welchen Umständen darf man einen Menschen töten? Ist jemand schuldig, der ein Leben opfert, um andere Leben zu retten? Abzustimmen war per Televoting, eins für ja, zwei für nein, eingerahmt von sorgsam gedrechselten Dialogen.

Das Setting war ziemlich weltfremd, und rundherum wurde viel medialer Wind gemacht. Offenbar wünschten sich die Sendungsverantwortlichen, dass sich die Zuschauer auf ihren Sofas in existenzielle Debatten verstricken, mit geröteten Wangen: „Also – ich würde abdrücken!“ „Einen Alten kann man eher opfern als einen Jungen, der stirbt ohnehin bald!“ „Aber was, wenn du zufällig einen Impfstoffforscher erwischst, der noch Millionen unschuldige Babies hätte retten können?“ Viele Bleistifte könnte man zerkauen beim Versuch, eine saubere Trennlinie zwischen „gerechtfertigter“ und „ungerechtfertigter“ Tötung zu ziehen: Liegt die Grenze bei 10, bei 100, oder erst bei 10.000 Geretteten?

Doch all die argumentativen Verrenkungen sind völlig überflüssig, wie sich in denselben Tagen zeigte. Es braucht kein großes moralphilosophisches Rechtfertigungskonstrukt, damit ganz normale Bürger anfangen, vom Töten zu phantasieren. Es reicht ein Zeitungsbericht über einen Selbstmordversuch in Favoriten, wo sich ein Mann erst auf die Straßenbahnschienen legte und dann versuchte, in die Oberleitung zu greifen. Das gefiel vielen tausend Fans auf der Facebookseite von Heinz-Christian Strache sehr. „Ich wäre drübergefahren“ sagt Miriam L. „Fangschuss und gut ist“, sagt Manfred K. „Der soll sich auf mein Auto hauen, dem brich ich alle Knochen“, sagt Patrick. „Schade dass er nicht gegrillt wurde durch den Stromschlag“ sagt Carsten W. „A gstreckte linke in de pappn, dem saugfrast, und aufgehängt bei de füss“, sagt Constanze H. „VOIGASS !!“ sagt Michael.

Gerettete Menschenleben? Impfstoffe für Babies? Alles nicht notwendig, um eine Tötung okay zu finden. Der zu Tötende war ein Fremder, das reicht. „Endlich einer weniger“ ist Grund genug.

Man liest sich also durch hunderte derartige Einträge. Man erschrickt. Und dann versucht man es sich konkret vorzustellen: Was ist das für ein Mensch, der so etwas schreibt? Ob Manfred wohl seinen Kindern in der Früh Jausenbrote geschmiert hat, ehe er sich an den Laptop setzte? Ob Constanze Ärger im Job hat, oder Liebeskummer? Malt sich Michael im Detail aus, was mit einem Körper passiert, wenn er von der Straßenbahn zerquetscht wird, und was genau gefällt ihm daran? Ganz normale Menschen sind das wohl, mit Hunden und Katzenfotos in ihren Facebook-Profilen. Sie wohnen nebenan, gehen jeden Tag ins Büro, haben Familie, Beziehungen, Krankheiten, Gefühle. Gut möglich, dass Michael ein feiner Kerl ist, der immer sofort zur Stelle ist, wenn ein Freund anruft und Hilfe braucht. Und dennoch tun all diese Menschen öffentlich, stolz, mit Foto und Namen kund, wie gern sie einem anderen, dem sie noch nie im Leben begegnet sind, Gewalt antun würden.

Nein, ich kann und will mir nicht vorstellen, dass sie alle wirklich ernst machen, wenn der Zufall sie in die passende Situation bringt. Ich denke ich mir: Sie haben in diesem Moment nicht lang überlegt. Sie wurden verführt vom Applaus, der auf diesen Seiten nach solchen Postings verlässlich kommt, und sich anfühlt wie warmer Regen. Sie wollten dem Parteichef gefallen, und auffallen, indem sie immer noch eins drauflegten. Sie lesen und hören täglich so vieles, das ähnlich klingt, dass ihnen die Rohheit ihrer Worte gar nicht mehr auffällt. Hätten sie Gelegenheit, mit dem Menschen, den sie töten wollen, persönlich ein paar Sätze zu wechseln, würden sie zurückschrecken.

Ich hoffe, es ist so. Aber ganz sicher bin ich mir nicht.

 

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