Millionen Menschen haben das Gewaltvideo aus Kagran angeschaut. Es schockiert, und wird heiß diskutiert. Was genau ist es, das uns dermaßen aufregt?

ein Erklärungsversuch für den Falter

  1. Ein Mädchen wird minutenlang geschlagen, die Handy-Kamera hält drauf. Zeigt das „die „Verrohung der Gesellschaft“, wie Bundeskanzler Christian Kern meint, im Sinn von: „Es wird immer brutaler“? Sicher nicht. Dass Jugendbanden Gewalttaten begehen, ist so alt wie die Menschheit und wurde tausendfach dokumentiert, von Höhlenzeichnungen über Shakespeare bis hin zum Schüler Gerber.

Das Opfer ist nicht immer Fremder oder Gegner, sondern kann der eigenen Gruppe angehören – dann ist kollektive Gewalt häufig eine Art Aufnahme- oder Festigungsritual. Die Täter fühlen sich dadurch zusammengeschweißt, man erlebt einen gemeinsamen Adrenalinrausch, ist Mitwisser und Zeuge. Untergeordnete haben beim Zuschlagen die Chance, dem Anführer zu gefallen. Es bekräftigt die Hierarchien der Gruppe. Solche Rituale sind kein Unterschichtenphänomen – man denke daran, was an US-Colleges oder in britischen Studentenverbindungen passiert. Oder ans Mensurfechten der deutschen Burschenschaften – im Prinzip nichts anderes als eine kollektive Körperverletzung.

2.

Das Opfer darf dabei keine Angst zeigen, sich nicht wehren, nicht davonlaufen, und keine Hilfe holen. Wenn es alles mit Würde über sich ergehen lässt, kann es sogar Status und Anerkennung bekommen. Manche Formen von Gewalt hinterlassen sichtbare körperliche Markierungen (Tatoos, Brandmale, Narben, Schmisse im Gesicht) – die trägt man dann stolz als Zeichen, die Prozedur überstanden zu haben. Videos, die per Social Media verbreitet werden, erfüllen heute eine ähnliche Funktion. Wenn das Opfer tapfer ist, wird es manchmal sogar zum Star.

An diesen archaischen Mechanismus fühlt man sich erinnert, wenn man dem Kagraner Opfer Patricia zuschaut, wie sie die Schläge einsteckt. Sie macht keinerlei Anstalten, sich wegzudrehen, schaut sich nicht hilfesuchend um, sie unterdrückt sogar den Reflex, die Hand schützend vors Gesicht zu halten. Ihre Hände stecken die meiste Zeit lässig in den Hosentaschen, sie dreht sich zu den Tätern hin, zur Kamera, zwischen zwei Schlägen richtet sie sich ab und zu die Haare. Sie folgt der Aufforderung, sichtbar Blut zu spucken. „Passt eh alles“ sagt sie einmal sogar. So als erwarte sie für ihr Verhalten Anerkennung, Belohnung.

Wären alle in diesem Video Burschen, es hätte niemanden hinter dem Ofen hervorgelockt. Was aufregt, ist, dass es sich um Mädchen handelt, mit einem Mädchen als Rädelsführerin. Wir schauen Mädchen beim Zuschlagen zu (von denen eine zugibt, sie könne das nicht gut, denn sie tue es zum ersten Mal). Der heftigste Tabubruch passiert, als schließlich ein Bursch zuschlägt – und zwar auf Befehl eines Mädchens. Das tut man nicht, das durfte man noch nie, und je patriarchaler die Gesellschaft, desto weniger ist diese Rollenumkehr erlaubt. Allen Beteiligten ist bewusst, welches Tabu sie verletzen, das sieht man im Video. Der Bursch kommt als letzter dran, er zögert. „Abu, denk dir, das ist ein Junge“, feuert die Anführerin ihn an. Sie muss ihn überreden, „du bist noch nicht fertig“, „Mach mich stolz, Schatzi“, sagt sie sogar.

Im Patriarchat liegen „Beschützen“, „Bestrafen“ und „Besitzen“ eng beieinander. Wie eng, zeigt sich an den anschließenden Versuchen, den Tabubruch zu reparieren: Im Krankenhaus tritt John an Patricias Seite, er ist Kampfsportler, ebenfalls Tschetschene, verteidigt ihr Krankenbett wie sein Revier. „Der schaut auf mich“, wird das Opfer in der Gratiszeitung „heute“ zitiert, „er hat mich im Spital besucht, um zu zeigen, dass es auch andere Tschetschenen gibt.“ Aus emanzipatorischer Sicht ist die Unterwerfung unter einen „Beschützer“ allerdings kein wesentlicher Fortschritt.

4.

In einer Gang wird Regelbruch mit Gewalt geahndet, das Rudel rottet sich zur kollektiven Bestrafung zusammen. In den Medien passiert das anschließend ein zweites Mal: Das Facebook-Rudel rottet sich zusammen und jagt die Schläger. Namen und Fotos der Täter werden gepostet, Geburtsdaten, Telefonnummern. „Dreckige Hurentöchter, hoffentlich sehen das eure Eltern und schlagen euch die Zähne raus“, „Abus Familie vergasen – wir packen dich bald“, „Ihr Fotzen ihr Hurensöhne kommt bei mir vorbei ich mach euch kalt“,„bitte steinigt dieses gesindel pack“ „ich zieh mir burka an und stech alle 5 ab“.

So wie vorher fünf Jugendliche ihr Opfer einkreisten, kreisen nun hunderttausende Poster die Täter ein. Man erlebt einen gemeinsamen Adrenalinrausch, fühlt sich in der Masse mächtig, und bringt Täter und Täterinnen kollektiv zur Strecke.

Bleibt das rätselhafte Detail mit dem Kopftuch. „Sie hat das Kopftuch runtergezogen, demolier sie!“ heißt es an einer Stelle des Videos – was allerdings so gar nicht mit den Mädchen im Bild zusammenpasst: Enge Jeans allesamt, lange blondierte Mähnen, so sehen keine IS-Bräute aus. Aus dem Kontext wird klar: Das Kopftuch ist bloß ein Argmentationsbruchstück, das die Bandenchefin verwendet, um den Burschen – sich in seine Welt hineindenkend – zum Zuschlagen zu bewegen.

Woran sich zeugt: Wie stark sich der Islam-Diskurs der vergangenen Jahre im Alltag der Jugendlichen breit gemacht hat, und in ihre Denk- und Sprechweisen eingesickert ist („burka“, „steinigen“ und die vielen Verweise auf „Ehre“ in den Postings weisen in die ähnliche Richtung). Die Teenager von Kagran machen mit dem Islam das etwa das gleiche wie die Erwachsenen in der Parteipolitik: sie klauben sich jene Teilchen heraus, die ihnen gerade in den Kram passen, und insturmentalisieren sie für die eigenen Zwecke.

 

 

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