Autoritäre Linke und Rechte in Westeuropa verehren Wladimir Putin. Und sie vertrauen auf „Russia Today“ als Informationsquelle.

für den Falter

Russen haben es gut, in Russland zu leben. Dort gibt es nämlich die berühmten russischen Wälder.  „Den Wald betraten wir wie ein geheimnisvolles Schloss, mit gedämpften Stimmen“, schreibt der Reporter ehrfurchtsvoll. „Die Tannen empfingen uns mit Stille. Nur die Wipfel bewegten sich leicht im Wind.“ Nicht nur das Naturerlebnis beflügelt, sondern auch, was es im russischen Wald zu finden gibt: „Die zunächst andächtige Stimmung war schnell in ausgelassene Freude umgeschlagen. Ich war berauscht von den zarten gelb-braun- und grau-Tönen und dem Geruch der Pilze.“ Hellbraune Opjata kann sammeln, weiß-bräunliche Goworuschka, hellbraune Lakowitsa, in großen Körben, ganz umsonst, ein Festmahl auch für arme Leute. Zumal man in Russland auch noch die Hausfrauentugenden des Einkochens und Einweckens beherrscht: Die Pilze werden „gewaschen und etwa vierzig Minuten in Wasser gekocht, der sich bildende Schaum abgeschöpft, und in Salz-Lauge mit Gewürzen eingelegt“. Dann hat man Vorrat für den Winter. Was für ein Glück.

Deutlich schlechter geht es hingegen all jenen Armen, die nicht in Russland, sondern in Deutschland leben müssen. Arme Deutsche sammeln keine duftenden Pilze, sondern dreckige Pfandflaschen, um sie anschließend im Supermarkt gegen ein paar Cent einzutauschen. Doch zumindest das Nachrichtenportal „RT“ nimmt sich ihrer an. Obdachlose, die sich suchend über öffentliche Mistkübel beugen, sind auf dieser Website ein häufig verwendetes Bildmotiv, um die soziale Lage in Deutschland zu illustrieren.

„RT“ hieß bis 2009 noch „Russia Today“ und ist ein Nachrichtenportal im Netz, das nach eigenen Angaben weltweit 700 Millionen Leser erreicht. Äußerlich ähnelt das Angebot der „Huffington Post“. Es bietet sowohl kurze Meldungen sowie auch längere Reportagen und Videos, inhaltlich deckt es das Komplettprogramm von Politik bis Wirtschaft und Lifestyle ab. 2005 wurde Russia Today vom russischen Staat gegründet, als Teil einer Medienoffensive zur Verbesserung des Russland-Images im Ausland. Es erschien zunächst in englischer, arabischer und spanischer Sprache, bald kamen chinesisch und französisch dazu. Seit November 2014 gibt es ein eigenes Webportal auf deutsch.

Man wolle „die russische Sichtweise auf das internationale Geschehen abbilden“, hieß es anfangs, doch über diesen bescheidenen PR-Anspruch ist „RT“  längst hinausgewachsen. In dem Maß, wie im deutschen Sprachraum das Misstrauen gegen die angebliche „Lügenpresse“ wuchs, hat sich die Online-Plattform als fixe Alternative zu den sogenannten Mainstream-Medien etabliert. Geteilt werden die RT-Meldungen besonders gern von allen, die der Übermacht der westlich-amerikanischen Medienkonzerne etwas entgegenhalten wollen: von Pegida-, AfD und FPÖ-Sympathisanten auf der rechten Seite bis hin zu Kapitalismus-, Amerika- und EU-kritischen Linken.

Zusammengerechnet sind das längst keine Randgruppen mehr. Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich in den vergangenen Jahren in Westeuropa als politische Leitfigur für all jene etabliert, die den Glauben an die pluralistische, westliche Demokratie verloren haben und sich nach mehr Autorität sehnen. Ein knappes Drittel der AfD-Wähler und ebensoviele unter den Wählern der Linken in Deutschland vertrauen Putin inzwischen mehr als ihrer eigenen Kanzlerin Angela Merkel. Ähnliche vergleichende Untersuchungen für Österreich gibt es nicht, doch liest man sich durch „unzensuriert.at“ und Facebook-Seiten aus dem freiheitlichem Umfeld, dann wird die Sehnsucht nach einer gelenkten Demokratie nach Putin-Vorbild auch hierzulande breit geteilt.

Das renommierte britische Wochenblatt „The Spectator“ zeigt auf seinem aktuellen Cover einen grimmigen Putin in Sieger-Pose, er hält ein Tablet mit dem RT-Logo wie ein Schild vor sich her. „Putin führt einen Propagandakrieg“, heißt es in der Story – „und er gewinnt ihn mit Leichtigkeit.“

Wie aber sieht die Welt, durch die „RT“-Brille betrachtet, aus? Und was macht diese Perspektive für hiesige Medienkonsumenten derart attraktiv?

Erster Eindruck aus der RT-Welt, wenn man sich auf sie einlässt: Sie birgt Geheimnisse. „Mysteriös“ ist ein Liebingswort in den Überschriften; inhaltliche Lieblingsthemen sind Geheimdienste, Verfassungschutz, Observation, Verschlüsselung. Ein Raunen und Zweifeln durchzieht die Texte, und entlädt sich in Fragen über Fragen.

Den in Leipzig geschnappten IS-Terroristen Dschaber al-Bakr etwa, der sich später in seiner Zelle erhängte, umweht ein dichter Nebel aus Ungewissheit. „Deutet das etwa darauf hin, dass…?“ „Sollte mit der ganzen Aktion nur suggeriert werden, dass….?“ „Sollte das alles womöglich bloß helfen“, eine ganz andere Agenda durchzudrücken, nämlich „noch schärfere Übewachungsgesetze durchs Parlament zu bringen?“ Gewiss ist in Leipzig nur eins: Alles könnte ganz anders sein als es scheint, und ist vermutlich von langer Hand geplant. Kennt man ja: „Die Methode, labile, junge Leute unter falscher Flagge anzuwerben, in der Herstellung von Sprengstoff auszubilden und sie dann in letzter Minute mit großem Medien-Tam-Tam als gefährliche Terroristen zu verhaften, ist ein altbewährter Kniff des FBI“, schreibt „RT“. Und welcher Krimi-geeichte Leser wird da widersprechen können?

Zweites Charakteristikum der RT-Welt ist: Dass sie am Rand des Abgrunds steht. Zumindest gilt das für die westliche Hemisphäre. Die Elendsskizzen aus Deutschland tragen den Titel „Neues aus den Unterklassen“ und erzählen davon, wie Hartz IV-Bezieher drangsaliert, alleinerziehende Mütter bespitzelt, Geringverdiener gedemütigt werden. Ganze Schichten verelenden, zum Vorteil einiger weniger. „George Soros und andere dicke Fische wetten bereits auf eine neue Bankenkrise“, „Zerbricht die Deutsche Bank, zerbricht die EU“, „Bereitet euch auf den Zusammenbruch der Aktienmärkte vor“, warnen jene Analysten, die RT befragt. Die Reichen haben angeblich bereits alle Hände voll zu tun, ihre Schätze noch rasch in Sicherheit zu bringen: „Es werden bereits Farmen in Neuseeland gekauft“, berichtet RT, Landebahnen werden zur schnellen Flucht errichtet, und auf der Upper East Side von New York City machen sich Privatpiloten und private Sicherheitsdienste bereit, die Reichen zu evakuieren.

Seit dem Zustrom von Flüchtlingen gibt es im Westen nun noch mehr Gründe für den Untergang. Schauplatz Dover, Großbritannien: „Massenschlägerei zwischen Antifa-Anhängern und Rechtsradikalen“ nach einer Anti-Flüchtlings-Demo. Schauplatz Paris: „Bürgerwehr greift Flüchtlinge an: Hunderte liefern sich Straßenschalchten.“ Schauplatz Deutschland: „Rassistischer Ku-Klux-Klan auch in Deutschland aktiv.“

Womit sich die interessante Frage stellt: Wenn im Westen Linke gegen Rechte marschieren – wo liegen dann die russischen Sympathien? Bei der AfD, gegen die Flüchtlinge – oder bei der Antifa, gegen die Nazis? RT schafft den Spagat, ohne sich ideologisch verrenken zu müssen. Es geht ganz einfach: Man muss bloß die Kamera draufhalten, live und ohne viel Kommentar senden, und die Bilder wirken lassen. Es fliegen Steine, es weden Parolen gebrüllt, etwas brennt, die Polizei setzt Wasserwerfer ein. Und egal wer für welches Ziel brüllt, hängen bleibt: Die liberale Einwanderungspolitik ist gescheitert. Multi-Kulti hat ins Chaos geführt, und weit und breit ist niemand im Westen mehr in der Lage, Ordnung zu schaffen.

Die meisten der Details in diesem Bild sind nicht gelogen. Gewalttätige Neonazis gibt es in Deutschland, ebenso wie gewalttätige Polizisten, kriminielle Asylwerber und wahrscheinlich sogar ein paar Ku-Klux-Klan-Sympathisanten. Wahres, Übertriebenes und Erfundenes fügen sich in RT jedoch nahtlos zu einem Narrativ zusammen, das unvermeidlich nur in eine Richtung steuern kann: Den totalen Systemcrash.

Der „Economist“ sieht hier eine Kontinuität zur Destabilsierungspropaganda aus der sowjetischen Zeit. Am Höhepunkt des Kalten Kriegs war eine ganze KGB-Abteilung, 15.000 Beamte, beauftragt, „aktive Maßnahmen“ zu setzen, um die Widersprüche in westlichen Gesellschaften zu verschärfen. Man fälschte Briefe des Ku-Klux-Clans an führende Politiker, um rassische  Spannungen anzuheizen, man setzte die Legende in die Welt, die USA hätten AIDS als biologische Waffe erfunden. „Als die Sowjetunion kollabierte, wurde die Abteilung umbenannt, aber niemals aufgelöst“, so der Economist. In den sozialen Medien funktioniert die Taktik nun noch umso besser. Oft reicht es schon, verschiedene Versionen ein- und derselben Geschichte in Umlauf zu bringen, um Misstrauen gegen die staatlichen Institutionen zu säen und den Zorn anzufächern.

Ausführlich widmet sich die RT denn auch dem Thema Medienkritik. Dabei kann sie aus dem Vollen schöpfen, denn auch hier gibt es Tatsachen: „Mainstreampresse auf Talfahrt: Verkaufzahlen brechen ein.“ RT sieht darin allerdings eine gerechte Strafe. In Verästelungen, denen man im Detail kaum folgen kann, wird Beweis geführt, wie sehr sich westliche Medien zu verschiedensten Gelegenheiten dem Diktat der US-Regierung, der Wallstreet, des militärisch-industriellen Komplexes gebeugt haben. Es bleibt die Botschaft: „Freie Medien“ gibt es nicht. Auch die liberalen westlichen Medien sind am Ende bloß Propagandainstrumente im Dienst ihrer Machthaber – genauso, wie sie das gern über die russischen Medien behaupten.

Womit man bei einem weiteren zentralen Charakteristukum der RT-Welt wäre: Dem Vergleichen, Aufrechnen und Relativieren. Die russische Präsidentschaftswahl war undemokratisch? „Auch in den USA sind Präsidentschaftswahlen umstritten“, heißt es dann, mit Verweis auf die Pannen bei der Stimmauszählung in Florida im Jahr 2000. Hillary Clinton oder Donald Trump? Schwer zu entscheiden, wer das größere Übel für die Welt wäre. Die russischen Bomben auf Aleppo? Sind nicht schlimmer als die amerikanischen Bomben, die derzeit auf Mossul fallen. Und die russische Unterstützung für die Rebellen in der Ost-Ukraine? Ist im Prinzip auch nichts anderes als die amerikanische Unterstützung der Rebellen in Syrien. „Die russische Propaganda zielt darauf ab zu beweisen, dass westliche Politik ebenso scheinheilig ist wie die russische“, bilanziert der Economist.

Es ist ein wesentliches Kennzeichen autoritärer Systeme, dass sich Untertanen an diesem Punkt in Resignation zurückziehen. Man könne ohnehin gar nichts mehr glauben, heißt es dann schulterzuckend. Alles gelogen, alles einerlei, denn eingreifen könne man ohnehin nicht. Gleichzeitig nimmt die politische Führung den Untertanen das Handeln und Entscheiden bereitwillig ab.

Auch hier gibt es eine Kontinuität im Denken, die weit bis in die sowjetische Zeit zurückreicht, analysiert Erik Tabery, Chefredakteur der tschechischen Magazins „Respekt“ in einem Essay in der „Zeit“. In mehreren osteuropäischen Ländern sei heute ein spezieller Politikertypus an der Macht – „Politiker, die sagen: Wir garantieren euch Ruhe, Stillstand“. Dies knüpfe an einen Stil an, „den wir noch von kommunistischen Funktionären kennen: Sie äußern niemals Zweifel, sie verstehen alles, und sie haben für alles eine Lösung.“

Auch diese Sehnsucht wird von „RT“ bedient, und zwar ausgiebig. Ein wohliges Gefühl von Sicherheit stellt sich beim Lesen stets dann ein, wenn von Russland die Rede ist. Nicht nur, dass die Bürger dort noch wissen, wie man mit eingemachten Pilzen über lange, kalte Winter kommt. Auch die politische Führung vermittelt Tatkraft und Entscheidungssicherheit. Während in der EU „eine neue Gaskrise droht“, vereinbaren Russland und Saudi-Arabien die „Stabilisierung des Ölmarkts“. Während in Deutschland Hacker damit drohen, die IT-Systeme lahmzulegen, setzt Russland „auf heimische Software“ und schafft ein „geschlossenes Intranet“, in dem Dokumente sicher weitergegeben werden können. Während Killerclowns in Großbritannien für Angst und Schrecken sorgen, „leben auf der Krim die Menschen friedlich miteinander, auch die Krimtartaren“, wie der Leiter einer Reisedelegation, der Vorsitzende der deutschen Linken aus dem Stadtkreis Quakenbrück, bestätigen kann. Während das transatlantische CETA-Abkommen scheitert, schließt Russland ein Handelsabkommen mit Argentinien und verkündet den verstärkten Import von Birnen, Äpfeln, Zitrus- und Meeresfrüchten.

In der Sowjetunion maß man die Erfolge der Kommunismus in Tonnen und Kubikmetern. Ein Nachhall davon ist noch zu hören, wenn RT heute verkündet: „Wir erwarten eine Rekordernte und können der weltweit größte Lebensmittelproduzent werden.“ Und wenn einst das staatliche Tourismusbüro Inturist die Sehenswürdigekeiten der Sowjetunion anpries, klang das nicht viel anders als heute. „Kennen Sie Russland?“ heißt eine aktuelle mehrteilige RT-Serie, sie präsentiert einen “Vielvölkerstaat mit einem riesigen Schatz an Geschichten, Subkulturen, Erlebnismöglichkeiten und Traditionen“. Zu sehen gibt es etwa das Kloster Walaam auf einer Insel im Ladogasee, die Moskauer Hip-Hop-Szene mit dem Rapper KRAVTS, das  „jüdische Leben in Russland,“ oder sogar, speziell für westeuropäische Liberale, „die LGBT-Community in St. Petersburg.“

Der amerikanisch-kapitalistische Mainstream ist nämlich nicht alles. Es gibt eine Alternative – ebenso stark, ebenso mächtig, ebenso verlockend. „Für Abenteurer, die in den Weiten der russischen Landschaft die große Freiheit suchen“. Und für die Medienkonsumenten auch.

 

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