Was in der Türkei derzeit in Massenverhaftungen, Unterdrückung und Despotie endet, hat einst als Emanzipationsbewegung begonnen. Was für eine historische Tragödie.

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Man vergisst in diesen Tagen ja leicht, dass alles ganz anders begonnen hat. Dass derselbe Präsident, der derzeit säubert, einschüchtert, einsperrt und den Rechtsstaat kurz und klein schlägt, einmal eine Hoffnungsfigur war. Mit einem Reformvorhaben, das man emanzipatorisch nennen konnte – obwohl es im konservativen, religiösen Gewand daherkam.

Als Recep Tayyip Erdogan 2002 die Geschicke seines Landes in die Hand nahm, begann eine tiefgreifende Demokratisierung des Landes, die dringend notwendig war. Die kemalistischen Eliten, die bis dahin den Staat kontrollierten, waren in Selbstgefälligkeit und Korruption erstarrt. Mit der Bevölkerungsmehrheit – den ungebildeten, frommen, armen, kleinen Leuten, den Frauen mit Kopftuch – hatten sie kaum zu tun. Verschlug es sie durch Zufall einmal in ein Stadtviertel, wo die Zuwanderer vom Land wohnten, rümpften sie die Nase und achteten darauf, nirgendwo anzustreifen. Erdogans Bewegung trat an, dieses arrogante Establishment zu entmachten (wie heute viele Nachahmer). Er war der Tribun jener Millionen Bauern, Tagelöhner und Handwerker, die bis dahin in ihren Dörfern von einem Tag in den anderen hineingelebt hatten, ohne je auf die Idee zu kommen, politisch mitzubestimmen. Ihnen gab Erdogan Selbstbewusstsein, Perspektiven, eine Stimme. Im sozialwissenschaftlichen Diskurs sagt man „Empowerment“ dazu.

Wichtigster Motor dafür war Bildung. Der Prediger Fetullah Gülen (damals noch ein enger Verbündeter) baute im ganzen Land Schulen. Man huldigte klassischen konservativen Tugenden: Eifer, Fleiß, Redlichkeit und Gottesfurcht, setzte auf starken Familienzusammenhalt und einen sittlichen Lebenswandel. „Schaffe, schaffe, Häusle baue“, sagt man dazu in Schwaben. In Zentralanatolien passierte in jenen Jahren ähnliches: Man arbeitete hart, sparte, investierte mit Augenmaß. Die Schlote rauchten, die Fabriken produzierten Konsumgüter, die die Arbeiter gleich selbst kauften, die anatolischen Städte wuchsen, und in die Wohntürme mit gefliesten Badezimmern zogen die Bauern von einst, immer noch sparsam, immer noch fromm, aber mittlerweile schon deutlich selbstbewusstere Angehörige einer neuen türkischen Mittelklasse. Eine ganze Generation von Jugendlichen, deren Eltern kaum lesen und schreiben gelernt hatten, fanden den Weg auf die Universitäten und schafften den Aufstieg, wurden Lehrer, Richter, Beamte.

Erdogan schaffte damals die Todesstrafe ab, ging gegen folternde Polizisten vor. Weil alle Muslime der „Sunna“ angehören und Nationalitäten da nicht mehr so wichtig sind, entspannte sich sogar das Verhältnis zu den Kurden. Erstmals gab es kurdische Sprachkurse, kurdische TV-Programme, und mit dem ökonomischen Aufschwung hätte man den Konflikt, der das Land seit Jahrzehnten lähmte, vergessen können.

Am Höhepunkt dieser Zeit war Istanbul eine coole Metropole, in die jene Europäer zuwanderten, denen Berlin zu langweilig geworden war. Selbstbewusst schritt die Türkei dem EU-Beitritt entgegen, und das wäre ein feiner Deal gewesen, denn immerhin hätte die Türkei alles mitgebracht, was Europa in den ersten Jahren des Jahrtausends fehlte: Viele bildungshungrige und aufstiegsorientierte junge Leute, zweistellige Wachstumsraten, demographischer Schwung, gut etablierte Handelsbeziehungen bis weit nach Zentralasien und China hinein.

Aber irgendwie schaffen es Leute vom Schlage eines Erdogan nie, ihre Kurven mit Augenmaß zu nehmen. Gelingt ihnen etwas, wollen sie stets noch mehr. Deswegen schauen wir jetzt mit Entsetzen zu, wie Zehntausende von ihren Posten entfernt, mundtot gemacht, einsperrt oder vertrieben werden. Wie der Krieg in Kurdistan eskaliert, die Zivilgesellschaft zerstört wird, Wirtschaft und Tourismus darniederliegen, Korruption regiert. Europa hat man ohnehin längst den Rücken gekehrt.

Es scheint, als wollten manche Menschen ihr Lebenswerk lieber zerstören, als es ins Ziel zu bringen.

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