Eine Langzeit-Echtzeit-Reportage für den Falter

Die Geschichte „Elf Monate mit Fatima“ ist eben erst erschienen, und schon tut sich etwas. Die Leiterin des „Frauen-in-Technik-Programms“ ruft an. Meine Freundin Fatima, eine syrische Telekom-Technikerin, Mutter von drei Kindern, ehrgeizig und lernwillig, bekommt ein maßgeschneidertes Angebot. Sie soll an der FH Telekommunikation studieren, drei Jahre, mit Bachelor-Abschluss, wird begleitend vom AMS gecoacht, und kann nachher rechnen, mit hoher Wahrscheinlichkeit einen guten Job zu bekommen.

Wow, was für eine tolle Chance, Fatima!

Aber Fatima ist nicht begeistert. „Ich habe schon studiert!“ sagt sie, kramt ihr Diplom aus einem Stoß Dokumenten hervor, ein vierseitiger, eng beschriebener Prüfungsbogen, TU Aleppo, schnörkelige Unterschriften, Stempel. Wir wälzen Optionen. Erkundigen uns über Nostrifizierungen, Anrechnung von Teilprüfungen, lassen in einem von arabischem Nippes vollgeräumten, verrauchten Hinterhof-Dolmetschbüro sogar Zeugnisse übersetzen – aber eigentlich ist die Sache ist klar: Mit einem syrischen Diplom aus der Zeit der analogen Telefonie wird man nicht weit kommen in der österreichischen Arbeitswelt.

Fatima hadert. Es ist ein bitterer Moment. Bis jetzt hatte sie noch immer irgendwie gehofft, sie müsse bloß gut deutsch lernen, und könne dann dort anknüpfen, wo sie in Syrien aufgehört hat. Irrtum. Neuanfang heißt: Nichts, was sie mitbringt, zählt. Alles nochmal von vorn. Nochmal mit 18jährigen Burschen und Mädchen im Hörsaal sitzen, nochmal Mathematik pauken, Schaltungen löten, vor Prüfungen zittern. Fatima schluckt. Mathematik hat sie immer schon gehasst. „Nie wieder!“ jubelte sie damals, als die letzte Prüfung geschafft war.

Ich erkläre, ermuntere, tröste, ich will nicht zulassen, dass die Chance, die sich – durch unsere Geschichte! – aufgetan hat, wieder wegrutscht.

Die richtigen Worte findet jedoch erst jemand anderer. Wir sitzen bei der vom AMS zugewiesenen Beraterin, der „Karriereplan“ mit dem FH-Angebot liegt auf dem Tisch, Fatima findet viele Einwände – „die Kinder, mein Deutsch ist so schlecht, die FH ist so weit weg, drei Jahre sind so lang“. Da klappt die Beraterin plötzlich die Mappe zu, legt die Hand drauf, und schaut Fatima fest in die Augen. „Hör mir mal zu“, sagt sie. „Ich kam aus dem Iran, mit zwei kleinen Kindern. Aber für mich gab es so ein Programm damals nicht. Morgens war ich auf der Uni, und nachmittags hab ich bei McDonalds gearbeitet, um unser Leben zu finanzieren, und während ich dort den Boden gewischt hab, haben meine Kinder auf den McDonalds-Tischen ihre Hausaufgaben gemacht. Wenn man so eine Chance kriegt wie du, dann nimmt man sie.“

Als wir uns nachher draußen auf eine Bank setzen, es sind die letzten warmen Tage, hat Fatima schon ihre Schultern gestrafft, bereit, die neue Rolle anzunehmen. „Du wirst für die 18jährigen interessant sein“, sage ich, das gefällt ihr. Und was wird ihr Mann sagen? „ Mohammed hat jetzt eine junge Frau“, sagt Fatima. „Ich muss ihm erzählen, er ist jetzt mit einer Studentin verheiratet.“

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Den ganzen Sommer über hatte uns das Thema Schwimmen beschäftigt. Die Frauen beteuerten allesamt, sie wollten schwimmen lernen, aber nie dazu kam es dazu. Die Väter plantschten mit den Kindern im Bad, die Burschen vergnügten sich auf der Donauinsel, doch den Frauen kam immer irgendwas dazwischen; mal war es die fehlende Bekleidung, mal ein Schnupfen, mal die Scheu, unangenehm aufzufallen, mal irgendwas anderes. Dass eine einzige Mutter, voll bekleidet, einmal im Freibad unterm Baum saß und Jausenbrote an die Kinder verteilte, war das größte Abenteuer, das auf diesem Terrain bisher gelungen war. Aus meiner Sicht war es ein Scheitern.

Es ist schon Oktober, der allerletzten Sommertag dieses Jahres, als uns doch noch der große Frauen-Schwimm-Ausflug gelingt. Eine Bekannte hat in ihr Schrebergartenhaus am Badeteich geladen, mit dem Versprechen, dort seien wir „ganz unter uns.“ Eine Karawane aus 15 Frauen und Mädchen, Österreicherinnen und Syrerinnen, inklusive Teenagern und einer Hochschwangern, stapfen also aufgeregt die Alte Donau entlang, beladen mit Schwimmwürsten, aufblasbaren Tieren und Picknicktaschen.

Als wir ankommen, rutscht mir das Herz in die Hose. Der Schrebergarten liegt mitten in der Siedlung, rundherum kann Hinz und Kunz über die niedrige Hecke schauen. Um zum Badesteg zu gelangen, muss man an zehn Häuschen vorbei, und vom Wasser aus hat man einen Panoramablick auf Autos, Nachbarstege und das Ufer gegenüber. Ich bin sicher: Niemals werden sich die Frauen hier ausziehen.

Ich irre mich. Die Frauen sind bereits ausgezogen. Unter großem Hallo hat sich aus dem Haufen Bikini-und Sportgewand-Teile jede etwas herausgefischt und wild kombiniert, es wird gekichert wie im Mädcheninternat, und auch die Haare wehen längst frei. Feuerrote Locken hier, dunkle dort, die Frau des Friseurs trägt wasserstoffblond. Barfuß laufen wir, in Handtücher gewickelt, an den Gartenzäunen vorbei, die Kinder bleiben stehen, um eine Katze zu bewundern, eine Schrebergartentür öffnet sich, Gottseidank ist es eine Frau, die herauskommt.

Das Wasser ist tief. Doch man kann gar nicht so schnell schauen, und alle sind drin. Klammern sich an die Schimmwürste, lassen sich treiben, üben eifrig Arm- und Beintempi, schlucken Wasser, schauen tapfer aus veschmierten Kajal-Augen. Die einen sind hochkonzentriert, andere übermütig. Aber keiner kommt in den Sinn, sich umzuschauen, ob Männer im Blickfeld sind.

Und da sind doch einige. Burschen springen vom gegenüberlegenden Steg ins Wasser, ein Mann wirft seine Angel aus. Irgendwann fährt, in zwei Metern Entfernung, sogar die Müllabfuhr im Schrittempo vorbei, die beiden Müllmänner am Volant nicken freundlich, während wir direkt vor ihren Augen die Badeschlapfen aus dem Weg räumen. Mir ist das ein Rätsel. Monatelang diskutieren wir drüber, dass Frauen nicht von Männern gesehen werden dürfen, und jetzt plötzlich ist alles kein Problem? „Da, ein Mann!“ ruft die Vierjährige einmal auf arabisch, ich folge ihrem Zeigefinger, doch die syrischen Frauen tun allesamt so, als hätten sie nichts gehört und schauen in die andere Richtung.

Erst in diesem Moment begreife ich: Es ist alles eine Sache der Übereinkunft. Wir sind auf einem Frauenschwimmausflug. Als solcher ist er deklariert und definiert. Und solange man kollektiv daran festhält, dass es ein Frauenschwimmausflug ist, bleibt es auch einer.

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Fatima war bei diesem Ausflug nicht dabei. Gottseidank, denke ich nachher. Denn sie hätte bei diesem Spielchen garantiert nicht mitgespielt. Fatima meint es mit ihren Glaubensregeln ernst. Sie betet fünfmal täglich, egal, was andere denken, manchmal verschwindet sie einfach für ein paar Minuten ins Nebenzimmer. „Fertig“, sagt sie nachher knapp. Kein Problem.

Was dennoch immer wieder nervt, ist das Kopftuch, der Hijab. Das, was er bedeutet; das, was er verhindert; die unerträgliche politische Debatte rundherum, und die vielen kleinen Alltagsprobleme, die er erzeugt. Ich sitze mit Fatima auf ihrem Sofa. Es ist ein schönes, ernstes Gespräch. Sie ist barfuß, die Locken fallen ihr über die Schulter, sie schaut so jung aus, so lebendig in diesem Moment. Wir hören die Eingangstür, mein Mann ist gekommen, und sofort springt Fatima vom Sofa auf und huscht ins Schlafzimmer, um ihren Hijab zu montieren. „Nur eine Sekunde“ sagt sie, „kein Problem, schon fertig, willst du Kaffee?“ Aber „egal, ich geh schon“, sagt mein Mann, und ist wieder weg. Die Tür schlägt zu.

Alle sind gekränkt in diesem Moment. Mein Mann ist gekränkt, weil der Hijab ihn ausschließt, und ihm unterstellt, er sei ein triebgesteuertes Wesen, das über jede unverschleierte Frau sofort herfallen würde. Fatima ist gekränkt, weil ihr ihr Hijab wichtig ist, und sie sich wünschen würde, dass wir respektieren, was ihr wichtig ist. Ich bin ebenfalls gekränkt, weil beide Recht haben, und beide gleichzeitig Unrecht in ihrer Rigidität. Der Moment jedenfalls ist zerstört.

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Fatima hält ihre Religion nicht davon ab, gebildet und berufstätig zu sein und eine gleichberechtigte Ehe zu führen. Bei anderen Familien ist das anders. Die A.s zum Beispiel – an denen beiße ich mir nach einem Jahr Bekanntschaft, feministisch gesprochen, die Zähne aus.

Die A.s sind eine große Familie. Zwei Brüder (sie führten gemeinsam in Damaskus ein Juweliergeschäft), ihre zwei Ehefrauen, und insgesamt zehn Kinder. Die Altersverteilung ist tückisch: ein 20jähriger Bursch, der als erster nach Österreich kam und die Nachholung der gesamten Familie organisierte; sechs Mädchen im Teenageralter, sowie drei kleine Buben. Es sind liebe Leute, rechtschaffen, höflich, zuvorkommend. Bemüht, alles richtig zu machen. Aber konservativ und scheu.

Ich kriege von ihnen Fotos im Facebook-Chat: die stolzen Väter mit den Buben auf dem Spielplatz, die Buben im Park, die Buben mit lustiger Sonnenbrille und Superman-Verkleidung. „Warum sind die Mädchen nicht mit?“ chatte ich dann schnippisch zurück. Die Mädchen gehen, selbstverständlich verhüllt, in Mittelschulen im 20. Bezirk, nachmittags sind sie zu Hause. Wenn Besuch kommt, huschen sie ins Schlafzimmer und kommen nicht mehr heraus, bis der Besuch wieder geht. Sie sollen sich dazusetzen, sage ich. „Sie wollen nicht“, sagen die Väter dann. Es sind liebe Mädchen, mit offenen Gesichtern, aber ich sehe keinen Plan. Die Schulpflicht ist demnächst vorbei, das Fenster der Möglichkeiten schließt sich. „Welchen Beruf wollt ihr denn lernen?“ frage ich in die kichernde Runde. Sie habe sich eben verlobt, sagt die älteste. „Krankenschwester“, sagt D., „Kindergärtnerin“ sagt R. „Ärztin“, sagt W.

W. fährt nie allein U-Bahn. Sie geht keine Freundinnen besuchen, spricht mit kaum jemandem außerhalb der Familie, sie hat noch nie einem Mann die Hand gegeben. „Wenn du Ärztin werden willst, musst du rausgehen“ sage ich. „Eine Ärztin muss sich in der Stadt auskennen, fremde Männer angreifen, daran musst du dich gewöhnen, und dein Vater muss dir dabei helfen.“ Die Mädchen kichern noch heftiger. „Aber wir sind Muslime“, sagt der Vater entgeistert, so als hätte ich bisher eine entscheidende Information verpasst. „Ja, und?“, frage ich ebenso entgeistert zurück.

Beim Rausgehen nimmt mich der große Bruder beiseite. Er weiß, worum es mir geht. Er kennt sich in Wien aus, hat Freunde und Freundinnen sonder Zahl, einen Job, verdient Geld, kümmert sich um alle Angelegenheiten der Familie. „Sie brauchen noch Zeit“, sagt er, es liegt etwas Flehendes in seinem Blick.

Ratlos verlasse ich die Wohnung. Gehe im Stockwerk darunter an einem Puff vorbei; dann an einem Sex-Shop im Nachbarhaus, mit Bondage-Equipment im Schaufenster; über den Praterstern, an den Alkoholikern vorbei, die die Bänke besetzen, und an den herumlungernden Jugendlichen, die den Mädchen hinterherrufen. Ich versuche kurz, das „Draußen“, in das ich die Mädchen schicken will, mit ihren Augen anzuschauen. Was sie wohl meinen, was das ist – Gleichberechtigung, Freiheit, sexuelle Selbstbestimmung? Und was sie wohl denken, das ich von ihnen verlange, wenn ich „rausgehen“ und „Männern die Hand geben“ sage?

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Ich erzähle Fatima von solchen Konflikten. Ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht will ich, dass sie erklärend, vermittelnd eingreift. Vielleicht will ich ihr beweisen, dass der Islam Frauen im Weg steht. Fatima reagiert dann höflich, aber distanziert. Und ich erinnere mich, was eigentlich der Plan war: Sie nicht alle in einen Topf werfen. Nicht eine Person für das Verhalten anderer verantwortlich machen, nur weil sie zufällig aus demselben Land kommen. Wir wollten diese Menschen doch als Individuen begreifen.

Aber Fatima entkommt den kollektiven Zuschreibungen nicht, das spürt sie selber. Wir kommen eben von ihrem ersten Gespräch auf der FH, gehen durch Favoriten, da sagt sie: „Jeder der mich sieht, denkt sofort: Mindestsicherung! Es ist wie ein Schild auf meiner Stirn!“

Sie hat Recht. Längst hat Fatima kapiert, dass der Hijab hier nicht nur ein weltanschauliches, sondern auch ein soziales Zeichen ist; eines, das sagt: Ich werde es nicht weit bringen in diesem Land. Ich bin ein Sozialfall, und werde es auch bleiben. Eventuell, denke ich, könnte das genau die Stelle sein, an der diese stolze Frau zu packen wäre: Dass sie sich unterscheiden will von den früh gealterten Türkinnen mit den schwieligen Händen, die über den Viktor-Adler-Markt schlurfen.

„Zieh dir einfach was anderes an, dann gehörst du dazu, und alle Möglichkeiten stehen dir offen“, will ich dann sagen. Aber ich sags nicht. Es wäre ja auch gelogen.

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Und dann ist Fatima auch noch Tante geworden. Eine ganze Woche war das Baby schon überfällig, aber alles ging gut. Es ist das fünfte Baby, das in diesem Jahr in unserem syrischen Bekanntenkreis zur Welt kam. Kinder von Flüchtlingen, gezeugt knapp nach der Ankunft in Österreich, unter prekären Umständenen; Babies wie Alexander van der Bellen einst eines war, der in diesen Tagen zum Bundespräsidenten gewählt wird. Die Schwangerschaften und Geburten machen selbstverständlich nichts einfacher. Die Ausbildungen einiger Frauen geraten außer Tritt; sobald der Mutterschutz beginnt, müssen sie ihre Deutschkurse abbrechen; für die Ehemänner erhöht sich der Stress der Jobsuche, und das Wohnungsproblem verschärft sich.

War das wirklich notwendig? möchte man da seufzen, und weiß doch gleichzeitig: Ja, für manche war es das wohl. Wenn ein ganzes Leben zusammengebrochen ist, will man, dass ein neues beginnt.

Lang denken die Mütter über die Namen der Neugeborenen nach und suchen unseren Rat. Wie werden arabische Namen hier verstanden, welche haben einen guten Klang? Maya ist gut. Sadin ist gut. Sham ist nicht so gut (obwohl es das arabische Wort für „Licht“ und „Freude“ ist). Die Kindernamen sollen ein Kunststück vollbringen, das die Erwachsenen erst mühsam üben müssen: Die Erinnerung an Syrien bewahren, ohne in Österreich unangenehm aufzufallen.

Und so viele Fragen auch noch offen sind im Leben ihrer Mütter – in den Dokumenten ihrer Kinder wird für immer „Wien“ als Geburtsort stehen. Sie werden hier in den Kindergarten und in die Schule gehen, schwimmen und lesen lernen, sie werden hier Freunde finden und den Rest der Familie hier verankern. Es werden Wiener Kinder sein.

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