Persönliche Erinnerungen sind eine wichtige historische Quelle. Obwohl der Sinnzusammenhang, den wir Erinnerungen geben, erst im Rückblick entsteht

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Eine 103jährige Frau sitzt vor der Kamera und erzählt. „Ein deutsches Leben“ heißt ein großartiger Film, der demnächst in den Kinos anläuft. Er erzählt die Geschichte der Stenotypistin Brunhilde Pomsel, die von 1941 bis 1945 die Sekretärin von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels war. „Nichts haben wir gewusst“ sagt Pomsel über das Massenmordprogamm, das ihr Chef direkt neben ihr plante und ausführte. Obwohl ihr gleichzeitig unendlich viele Details aus ihrer Arbeit präzise präsent geblieben waren, über 70 Jahre hinweg.

Ähnlich alt wie Brunhilde Pomsel, nämlich 85 bis 103 Jahre, waren Rudi Gelbard, Lucia Heilman, Ari Rath, Suzanne Rabinovici, Vilma Neuwirth und Marko Feingold, die in den vergangenen Jahren in dem großartigen Stück „Die letzten Zeugen“ auf der Bühne des Wiener Burgtheaters saßen. Diese Menschen erzählten aus derselben Zeit wie Brunhilde Pomsel, allerdings aus einer völlig anderen Perspektive, jener der Verfolgten. Auch sie erinnerten sich, über 70 Jahre hinweg, an unglaublich viele Details. Die allerdings nahelegen, dass man damals sehr wohl vom Massenmord wissen konnte. Sofern man wissen wollte.

Menschen zuzuhören, die erzählen, was sie am eigenen Leib gespürt, erlebt haben: Das kann eine Wucht sein. Ein Erlebnis, eindringlicher, als es Bücher oder wissenschaftliche Studien je vermitteln können.

In den Sechziger Jahren entdeckte man den Schatz persönlicher Erinnerungen für die Geschichtsforschung, zuerst in den USA, wo man es „Oral History“ nannte. Der Grundgedanke ist einleuchtend: Schrift kann stets nur einen bestimmten Ausschnitt einer Gesellschaftsepoche dokumentieren. Nicht alle Menschen schreiben; bestimmte Gruppen (Lehrer, Beamte) schreiben mehr, lieber, gewandter als andere (Handwerker, Bauern). Über Mächtige wird mehr geschrieben als über die Resi von nebenan; über öffentliche Ereignisse mehr als über familiäre; über obrigkeitsnahe mehr als über widerständige; über heroische mehr als über peinliche. Die Lebenserinnerungen „normaler“ Menschen systematisch aufzuzeichnen und als wertvolle Quelle zu begreifen, war deswegen eine riesige Bereicherung. Nicht nur für die Geschichsforschung, sondern auch für Sprachwissenschaften, Ethnologie und Volkskunde.

Allerdings ist es mit dem Erinnern so eine Sache. Wir kennen das Phänomen ja alle aus dem eigenen Alltag: Die Botschaft erschließt sich meistens erst im Nachhinein. Aus den vielen tausend Ereignissen, die unser Gehirn jeden Tag bearbeiten muss, wird nur ein Bruchteil als „wichtig“ definiert und gemerkt. Und von diesen wird wiederum nur ein Bruchteil später zu einer geordneten Kette von Erinnerungen zusammengehängt, sobald wir beginnen, retrospektiv über unser Leben nachzudenken.

Jeder und jede von uns kann wahrscheinich ein paar Schlüsselereignisse benennen, die aus einem gemacht haben, was man ist. Sie lassen einen die eigene Biographie verstehen. Sie erzeugen Sinn, sobald man aus ihnen ein Narrativ macht: Weil A passiert ist, musste später B folgen. Man hat sich solche stimmigen Zusammenhänge im Lauf der Jahrzehnte tausendmal vergegenwärtigt (und vielleicht anderen erzählt), immer routinierter, solange, bis sie sich im Kopf zu fixen, jederzeit abspielbaren Filmszenen verdichteten. Ja, an diese Szenen erinnert man sich sehr genau; „als sei es gestern gewesen“, sagt man dann. Aber ob das überhaupt noch das tatsächliche Ereignis ist, oder schon der Film davon, den man im Kopf hergestellt und abgespeichert hat?

In den meisten Fällen werden wir das nie erfahren, und das ist wohl auch gut so. In jenen Fällen, wo uns schriftliche Dokumente, Fotos, Tagebücher oder die Erinnerungen anderer Menschen (die dasselbe Ereignis in ihr Lebensnarrativ völlig anders eingeordnet haben) widersprechen, kann das einen Schock erzeugen.

Ich habe nichts davon gewusst. Du schon? Das hängt vom Leben ab, das man nachher führte. Und vom Menschen, der man zu sein beschloss.

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