Wir brauchen gute Pflegeheime. Pflegeheime brauchen gutes Personal. Zu finden wäre das unter den 24-Stunden-Betreuerinnen

ein falter-Kommentar

Soll unser Kind in den Kindergarten? Diese Entscheidung hängt von vielem ab. Vom Kind, seinem Alter, seinem Charakter, seinen Bedürfnisen; von den Eltern und ihren Bedürfnissen, von pädagogischen und sozialen Faktoren. Bloß von einem sollte sie nicht abhängen: vom Geld. Deswegen war es grundvernünftig, dass die Gemeinde Wien die Kindergartengebühren abschaffte. Allerdings fiel die Entschiedung hastig, ohne lange Vorbereitung, es war Wahlkampf. Wie zu erwarten, wurden schlagartig tausende neue Kinder angemeldet, es gab nicht genügend Plätze. Die Gruppen ließen sich räumlich nicht beliebig erweitern, gut ausgebildetes Personal ließ sich nicht über Nacht herbeizaubern, deswegen war die Gemeinde froh über jeden privaten Verein, der einsprang. Allzu strenge Kontrollen wären kontraproduktiv gewesen, denn man brauchte jeden einzelnen Betreuungsplatz. Die Folgen kennen wir, Wien laboriert an ihnen bis heute: Es gab Pleiten und Betrugsskandale (Alt Wien), es gibt die islamischen Kindergärten. Vor allem aber gibt es gestresste Pädagoginnen, viel zu große Gruppen, und unqualifizierte Hilfskräfte, die große Verantwortung aufgeladen bekomme, ohne dafür ausgebildet zu sein.

In der Pflege wiederholt sich derheit ein ähnliches Szenario. Soll unsere Oma ins Heim? Auch diese Entscheidung soll von der Oma, ihrem Alter, ihrer Diagnose, ihren Bedürfnissen und den Bedürfnissen der Angehörigen abhängen; nicht jedoch vom Geld. Die Oma bloß deshalb daheim zu betreuen, damit das Erbe, das Sparbuch oder die Eigentumswohnung geschont wird, tut niemandem gut. Deswegen war es grundvernünftig, den Pflegeregress abzuschaffen, wie das der Nationalrat vor wenigen Wochen tat. Doch auch diese Entscheidung fiel hastig, im Wahlkampf. Und es ist absehbar, was passieren wird: Ab 1. Januar 2018 werden schlagartig tausende Omas in Pflegeheimen angemeldet werden. Wie bei den Kindergärten wird es nicht genügend Plätze geben, und gut ausgebildetes Personal kann man nicht über Nacht herbeizaubern.

Der Pflegeskandal, den der „Falter“ vergangene Woche enthüllte, ist kein gutes Omen für das, was dann auf uns zukommt. Denn klar ist: Das System steht schon jetzt unter Stress. Ein Bericht der Volksanwaltschaft beschrieb vor wenigen Monaten „strukturelle Defizite“: Die Hygiene in vielen Heimen ist mangelhaft, Patienten weden medikamentös ruiggestellt oder um fünf Uhr schlafen gelegt, Ressourcen und Supervision fehlen. Was Überforderung, Burnout-Gefährdung und Personalengpässe verschärft. Dass die Verdächtigen von Kirchstetten so schnell neue Jobs fanden, ohne dass jemand ihre Arbeitszeugnisse geprüft hätte, verrät, wie händeringend in Heimen Personal gesucht wird.

In der privaten 24-Stunden-Betreuung ist es nicht besser. Ausbeuterische Agenturen, fehlende Kontrolle der Arbeitsbedingungen, gefälschte Ausbildungsnachweise und Lohndumping: auch dieses System, das Österreich lang über Pflegeengpässe hinweggeholfen hat, stößt an seine Grenzen. Wenn viele der bisher zu Hause betreuten Alten demnächst ins Heim gehen, wird der Konkurrenzdruck unter den Betreuerinnen eher noch härter, und die Sitten in der Branche noch rauer werden.

Was also tun? Wo kriegen die Familien Pflegeplätze her, die Pflegeheime gutes Personal, Betreuerinnen menschenwürdige Arbeitsplätze, und der Staat ein System, das er sich leisten kann? Das wird eine der großen politischen Fragen der Zukunft sein. Eine erste Anregung dazu hier:

Die Frauen, die bisher als 24-Stunden-Betreuerinnen tätig sind, bilden einen riesigen Ressourcenschatz, den Österreich noch viel sinnvoller nutzen könnte als bisher. Diese Frauen arbeiten seit vielen Jahren hier. Viele von ihnen bringen einschlägige Ausbildungen mit, alle haben Praxiserfahrung, sowohl in der Pflege als auch im sozialen Umgang mit alten, dementen Menschen. Sie kennen sich in Österreich, samt Behörden, Kochgewohnheiten und Umgangsformen halbwegs aus, viele sprechen gut deutsch. Derzeit verrichten sie brav ihre Dienste im Zwei-Wochen-Rhythmus, bleiben in der Öffentlichkeit unsichtbar, belästigen niemanden mit ihren Bedürfnissen, solange, bis sie irgendwann erschöpft sind. Dann bleiben sie zu Hause in der Slowakei oder in Rumänien, und ihre Expertise ist weg.

Diese Frauen in reguläre Pflegeberufe zu führen, ihnen Weiterbildung und Professionalisierung ihrer Kenntnisse anzubieten, wäre für Österreich wesentlich einfacher, als Arbeitslose aus anderen Branchen umzuschulen. Nicht allen, aber vielen der Betreuerinnen käme das gelegen: Das Pendeln im Zwei-Wochen-Rhythmus ist für ein vorübergehende Lebensphase okay, langfristig jedoch ist es eine berufliche Sackgasse, ohne jede Perspektive. Mit der drohenden Kürzung der Familienbeihilfe für ihre in Rumänien oder der Slowakei lebenden Kinder könnte bald auch ein ökonomischer Grund fürs Pendeln entfallen. Eine Anstellung in einem österreichischen Pflegeheim, oder ein Job in der mobilen Betreuung, angestellt bei einem gemeinnützigen Verein oder bei einer Kommune, ist da eine lohnende Alternative.

Zu tun gäbe es für sie jedenfalls genug.

 

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