Ein Portrait fürs Falter-Feuilleton

Sabine Ladstätter war auf Urlaub im Norden. In Schottland. Dort hat es, wie häufig in Schottland, geregnet. Bei den meisten Menschen wäre ein solches Sommererlebnis nicht sonderlich berichtenswert, doch für Sabine Ladstätter was es neu. Dann alle Sommer, an die sich sich erinnern kann, verbrachte sie bisher unter heißer Sonne an der türkischen Ägäisküste, in Ephesos.

Ephesos, das war: eine der prachtvollsten Metropolen der antiken Welt, mit einem großen Hafen, der marmorgepflasterten Kuretenstraße, der Celsus-Bibliothek, und dem Tempel der Artemis, der weithin als eines der Sieben Weltwunder berühmt war.

Ephesos, das war: das wichtigste Prestigeprojekt der österreichischen Archäologie, schon seit k.-u.-k- Zeiten. 1895 verlieh der Sultan des Osmanisches Reichs Österreich eine Grabungslizenz, seither haben sich mehrere Wissenschaftlergenerationen hier abgearbeitet, und – unter anderem – das Ephesos-Museum in der Hofburg mit Fundstücken gefüllt. Seit 2007 ist Sabine Ladstätter die Grabungsleiterin.

Ephesos, das war, immer schon, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: In der Antike pilgerten Reisende zur Artemis, heute machen jährlich 2 Millionen Touristen einen Abstecher vom Kreuzfahrtsschiff oder vom Badestrand hierher. Ephesos ist ein großer, gut geölter Wirtschaftsbetrieb, in dem Wissenschaft und Fremdenverkehr geschmeidig ineinandergreifen, und Arbeitplatz für tausende Menschen: Grabungsarbeiter, Souvenirverkäufer, Hoteliers, Fremdenführerinnen, Nachtwächter.

Ephesos, das sind aber auch: die Störche, die auf den antiken Säulen ihre Nester bauen. Das Grabungshaus, wo man nach Sonnenuntergang meistens gemeinsam beim Abendessen saß; besonders gut kochte die legendäre Frau Saziye aus dem Dorf. Es ist der Ort, wo Ladstätter „die lustigsten Momente meines Lebens verbrachte“, wo ihre Tochter Hemma vor 13 Jahren gehen lernte, und jeden Sommer gemeinsam mit den Dorfkindern von Haus zu Haus lief.

Anfang September vor genau einem Jahr ging vieles davon abrupt zu Ende. Das hat mit der Politik zu tun. Im Juli hatte es einen Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan gegeben. In Wien gingen Erdogans Fans auf die Straße. Außenminister Sebastian Kurz empfahl ihnen, Österreich zu verlassen. Starke Worte gegen die Türkei kommen in Österreich immer gut an, und umgekehrt ebenso. Der türkische Botschafter wurde aus Wien abberufen, Kanzler Kern verlangte den Abbruch der EU-Beitrittsverhandungen, was ein türkischer Politiker mit den Worten „Verpiss dich, Ungläubiger“ erwiderte; und Erdogan fand eine Stelle, an dem er den Österreichern ganz besonders wehtun konnte: Ephesos. Zwar entzog er ihnen nicht die Grabungslizenz (wie häufig fälschlich berichtet wurde). Doch er stornierte den Forschern die Visa und befahl ihnen die sofortige Ausreise.

Ladstätter erinnert sich an diese Tage genau. Es war rund um Hemmas Schulbeginn, deswegen war sie ausnahmsweise in Wien. Als sie die Nachricht erreichte, fuhr sie, nur mit der Handtasche, sofort zum Flughafen und flog nach Izmir, in der Hoffung, noch etwas retten zu können, aber vergeblich. Drei Tage blieben, um die angefangene Arbeit hastig in Kisten zu packen und im Depot zu verstauen, die offenen Grabungslöcher mit Planen gegen die Witterung zu schützen. „Der schlimmste Moment war, als ich um 11 Uhr vor den versammelten Arbeitern stand, und ihnen sagen musste, dass sie ab 17 Uhr alle ihre Jobs los sind.“ Dann Fenster zumachen, Licht abdrehen, aus. Hoffen, dass sich irgendwann alles wieder einrenken wird.

Aber es hat sich nichts eingerenkt in diesem Jahr. Im laufenden Wahlkampf besteht wenig Hoffnung auf rhetorische Mäßigung zwischen Wien und Ankara, und Ladstätter laboriert an einer Art Phantomschmerz. „Es ist immer in meinem Kopf“, sagt sie. „Manchmal schrecke ich mitten in der Nacht auf, weil mir einfällt, in welcher Kiste genau die Tonscherben sind, die man sich anschauen müsste, um eine bestimmte Forschungsfrage zu klären“, sagt sie.

Scherben, Keramik, das war ihr Spezialgebiet, als Studentin schon. Besonders intensiv beschäftigt sie sich derzeit mit jener Epoche im 7. Jahrhundert, als die hochentwickelte städtische Kultur zusammenbrach, alle Errungenschaften der Antike – samt Straßen, Wasserleitungen und Schrift – in Vergessenheit gerieten, und Ephesos wieder zum Dorf wurde. Hirten richteten sich in den Ruinen ein, Tempel wurden zu Ziegenställen, zwischen den antiken Säulen wuchs Gemüse. „Was passiert nach dem Niedergang einer Zivilisation?“, fragt sich Ladstätter, „etwas Ähnliches wie heute in Detroit?“ Bleibt etwas übrig, überlebt es im Geheimen, verwandelt es sich in Neues?

Schon als Kind wollte sie solchte Dinge wissen. Das war ungewöhnlich für ein kleines Mädchen in Völkermarkt, im Kärntner Grenzland. Der Vater war Polizist und FPÖ-Funktionär, die Tochter buddelte in der Erde, um herauszufinden, was sie verbirgt. „Woher kommen wir, und warum sind wir so, wie wir sind?“ Das sei die Faszination der Archäologie, die sie von klein auf gespürt habe. In Kärnten mit seiner multikulturellen Geschichte sind das jedoch hochbrisante, verbotene Fragen. „Man forscht immer auch über die Gegenwart“, sagt Ladstätter. Sie holt einen Prachtband über Kärntner Kulturgeschichte aus dem Regal, eine ihrer ersten Publikationen. „Kelten, Römer und Slawen“, hätte der Titel lauten sollen, aber das Wort „Slawen“ fehlt. Es durfte im Kärnten vor der Jahrtausendwende nicht vorkommen.

Das verrät, wie politisch Archäologie stets ist. Man pinselt nicht bloß an antiken Knochen herum. Man liefert damit, ob gewollt oder ungewollt, immer auch Argumente für den Streit: Wer war hier zuerst? Wem gehört das Territorium, wer gehört rechtmäßig hierher? Kein Wunder, dass Archäologie häufig als Herrschaftswissenschaft betrieben wurde, und anfällig ist für Missbrauch durch die Macht.

Als Ladstätter 1995 erstmals nach Ephesos kam, war die kulturimperialistische Forschergesinnung noch deutlich spürbar. Man merkte es am arroganten Umgang mit einheimischen Arbeitern und Hauspersonal. Abends steckten die Österreicher bei Tisch die Köpfe zusammen und machten sich darüber lustig, welchen Blödsinn die Touristenführer schon wieder erzählt hatten, den ganzen Tag lang. „Aber woher hätten sie es denn besser wissen sollen, wenn niemand mit ihnen redet?“, fragt Ladstätter entgeistert. Seit sie verantwortlich ist, gibt es regelmäßige Führungen für die Reiseleiter, bei denen ihnen neueste Funde präsentiert werden. Die Öffentlichkeit soll teilhaben, was sonst wäre der Sinn von Forschung? Ganz abgesehen davon, dass das Teilen von Erkenntnissen, wie Ladstätter sagt, „auch eine Frage der Höflichkeit gegenüber dem Gastland“ sei.

Ein Kulturbruch also. So, wie schon Ladstätters Bestellung zur Grabungsleiterin ein Kulturbruch war. Nach einer imposanten Ahnenreihe von Honoratioren war sie die erste Frau dieser Position, mit 35 Jahren relativ jung, dazu noch Alleinerzieherin einer kleinen Tochter. Sie bekam den geballten Widerstand des akademischen Apparats zu spüren („Kann die mit Kränen und Baggern umgehen? Werden die türkischen Baurbeiter auf sie hören? Und wer passt auf ihr Kind auf?“) Bis sie sich kurz entschlossen einmal ans Steuer des LKW setzte, mit dem zu Saisonbeginn immer das Grabungsequipment auf dem Landweg in die Türkei transportiert wird. „Manchmal muss man einfach raus aus dem Komfortzone, und etwas machen, das man sich selbst nicht recht zugetraut hat.“

Archäologie, das ist einerseits körperliche Schwerarbeit, mit Schaufel und Spitzhacke. Andererseits ist es Feinarbeit mit Pinseln, Pinzetten und Skalpellen. Es ist Hightech (Radar, geomagnetische Verfahren) und geisteswissenschaftliche Analyse. Vor allem aber ist es internationale Teamarbeit. Ladstätter ist hörbar stolz auf die Netzwerke, die sie etabliert hat – zwischen Studierenden, die ihre Diplomarbeiten schreiben, Praktikanten, die zum Buddeln kommen, und Forschern verschiedenster Fachrichtungen, die aus der ganzen Welt anreisen, um für einzelne Fragestellungen Daten zu sammeln. Gut hat auch stets die Kommunikation mit den türkischen Behörden funktioniert. Ladstätters Stellvertreterin ist Türkin, so muss das laut Vertrag sein. Die beiden sind ein eingeschwores Team, das bei jedem Problem auf zwei Optionen zurückgreifen kann: „Machen wir das jetzt auf die türkische oder auf europäische Art?“

„Europa braucht ein stabiles Anatolien“, sagt Sabine Ladstätter. Sie sagt: „Europa und Anatolien sind kommunizerende Gefäße“, und es ist nicht ganz klar, ob sie über das Römische Reich spricht, oder über die EU und Erdogan. Sie hört täglich Nachrichten aus der Türkei, der Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen steht im Raum. Bis zuletzt hatte sie gehofft, zumindest im Herbst kurz in Ephesos nach dem Rechen sehen zu dürfen, aber es schaut nicht gut aus. Sie denkt an das Unkraut auf den Ruinen, das hoffentlich sachgerecht gerodet wird, und an die Musemswächter, die hoffentlich gut aufpassen. Der Phantomschmerz. Es muss sich doch ausgezahlt haben, die Arbeit all dieser Jahre. Die Kommunikationskanäle, das Teambuilding, das Vertrauen und der wechselseitige Respekt.

„Unterbrochen“ seien die Grabungen, sagt sie trotzig. Es kommen Wahlen in Österreich und in der Türkei, dann kommt ein Winter, und dann kommt wieder ein Sommer. Und der wird so sein wie jeder Sommer, heiß und sonnig, ganz bestimmt.

 

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