Die Ganztagsschule ist die Antwort auf viele gesellschaftlichen Fragen. Jetzt soll sie massiv ausgebaut werden. Was wird sich dadurch verändern?

für den „falter“

Ein Hauptproblem sind die Schultaschen. Volksschulkinder lieben nämlich Schultaschen. Sich die Farbe auszusuchen, und entscheiden zu müssen, ob ein Drache, ein Fußball oder ein Einhorn drauf ist, gehört zu den identitätsstiftenden Momenten jeder Kindheit. Buben und Mädchen, die Ganztagsschulen besuchen, brauchen jedoch keine Schultaschen mehr. Allerhöchstens das Mitteilungsheft muss man zwischen Schule und Zuhause hin- und herbringen, eventuell eine Jausenbox, vielleicht ab und zu eine Bastelarbeit, die man unbedingt den Eltern zeigen will. Alles andere – Bücher, Hefte – bleibt in der Schule. Hausaufgaben gibt es keine. Und so sind die Schultaschen, die Ganztagsschulkinder morgens und nachmittags durch die Straßen tragen, leer.

In den meisten Ländern, von Frankreich bis Skandinavien, gibt es für „Ganztagsschule“ gar kein Wort – weil es selbstverständlich ist, dass die Schule bis nachmittags dauert, die Kinder dort ein warmes Mittagessen bekommen, und die Schule für den Lernerfolg der Kinder die volle Verantwortung übernimmt. In Deutschland und Österreich ist das jedoch bis heute unüblich. Hier setzt man die Kinder traditionellerweise mittags mit knurrendem Magen vor die Tür und schickt sie nach Hause, wo idealerweise eine Mama wartet und die Nachmittagschicht übernimmt. Die Diskussion, ob das sinnvoll ist, war jahrzehntelang ideologisch heikles Terrirotium. Familien- und Frauenbilder spielten dabei eine Rolle, romantische Kindheitsideale, und ein gewisse Grundskepsis genüber dem Staat.

Das hat sich in den vergangenen Jahren jedoch gründlich verändert. Die Ganztagsschule boomt. Zwar besuchen in Österreich erst 150.000 Kinder (20% der 6-14jährigen) ganztätige Schulformen – die meisten davon eine schulische Nachmittagsbetreuung, nur 3,6% „echte“ Ganztagsschulen mit über den ganzen Tag verteilten Lern- und Freizeiteinheiten. 750 Millionen Euro stellt die Bundesregierung nun für eine große Ausbauoffensive zur Verfügung – Schulen, die auf Ganztagsbetrieb umstellen wollen, können sich dieses Geld abholen, um es in zusätzliches Personal und Infrastruktur zu investieren. Ziel ist, den Anteil der ganztags beschulten Kinder auf 40% zu verdoppeln. Neben der Schulautonomie wird dies das wichtigste politische Erbe sein, das Bildungsministerin Sonja Hammerschmid hinterlässt.

Unermüdlich ist sie in den vergangenen Jahren durch die Bundesländer gefahren, um dafür auch am Land Überzeugungsarbeit zu leisten. Das war anfangs zäh. „Unsere Familien brauchen das nicht“, ist bei Bürgermeistern oft der erste Reflex. Wenige Eltern trauen sich, aktiv Betreuungsbedarf anzumelden; zu groß ist die Scheu, als schlechte Eltern dazustehen. Doch ist ein Ganztagsangebot erst einmal konkret da, greifen Eltern begierig zu. „Die Ideologie ist aus dieser Frage mittlerweile draußen“, sagt die scheidende Ministerin. Während die Frage der gemeinsamen Schule der 10- bis 14jährigen „ideologisch so zerfahren ist, dass man gar nicht mehr diskutieren kann“, hat sich bei der Ganztagsschule Pragmatismus durchgesetzt. Denn hier treffen sich Interessen jenseits aller Weltanschauungen.

Erstens brauchen Kinder, die immer häufiger Einzelkinder sind, nachmittags etwas Sinnvolles zu tun, am besten mit Gleichaltrigen, statt allein zu Hause vor der Playstation zu sitzen. Zweitens haben sich die Familien verändert: Ständig verfügbare Omas sind selten, es gibt es immer mehr Alleinerzieherinnen; und immer weniger Eltern haben Lust, die knappe Familienzeit mit Verhandlungen („Hast du schon die Aufgaben schon fertig?“) zu belasten. Drittens wird von Eltern am Arbeitsplatz immer mehr Flexibilität verlangt; und auch den Unternehmen nützt es, wenn ihre Angestellten konzentriert arbeiten, statt ab Mittag von der Koordination ihrer Betreuungspflichten gestresst zu sein.

Dazu kommen die stets wachsenden integrativen Aufgaben der Schule, in einer Gesellschaft, die immer disparater wird: Die Schule soll Kinder aus allen Milieus zusammenführen, ihren die gemeinsame Sprache, gemeinsame Werte und Regeln vermitteln. Sie soll Kinder mit Behinderungen und Spezialbegabungen fördern, und jenen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen, sozialen Halt geben.

All das ist in vier, fünf oder sechs Stunden Unterricht pro Tag nicht zu schaffen. Dafür braucht es Zeit. Es braucht gut dafür ausgebildete Pädogoginnen und Pädagogen. Es braucht die passenden Schulbauten (siehe Kasten). Und es muss von den Eltern bezahlt werden. Gratis ist in Österreich nur die Halbtagsschule. Der Betreuungsbeitrag für öffentliche Ganztagsschulen liegt in Wien bei 5,80€ pro Tag, dazu kommt noch das Essensgeld von etwa 3,80. Für Geringverdiener gibt es Ermäßigungen.

Wien, gleich hinter der Donau. Der Schulcampus Donaufeld ist der Prototyp einer modernen Ganztagsschule. Ab 7 Uhr morgens stehen die Tore offen, die verpflichtende Kernzeit dauert bis 15.30, bis längstens 17.30 Uhr können die Kinder bleiben. Es gibt einen großen Garten, einen Sportplatz auf dem Dach, einen Medienraum, eine Kinderküche, und Rückzugsorte, Kuschelzimmer genannt. „Speziell die Erstklässler brauchen das, die wollen manchmal die Augen zumachen“, sagt Direktorin Astrid Pany.

Wichtiger Angelpunkt ist das Essen – Essen vermittelt Regeln, Rituale, Beziehungen. Zwischen den Unterrichtseinheiten wird gelernt, geübt, gegärtnert oder Fußball gespielt – jede Schule hat hier andere Schwerpunkte. Auch unstrukturierte Zeit ist wichtig. Weil der schulische Ganztagsbetrieb mit den traditionellen Sport- und Musikvereinen konkurriert, haben diese Institutionen umdenken müssen: Immer öfter kommen Singschulen, Judo- und Schachvereine oder auch die örtliche Blasmusik direkt in die Schulen – und erreichen hier auch Kinder aus Milieus, die den Weg zu ihnen nicht aus einem Antrieb gefunden hätten. Kinder in Ganztagsschulen haben somit mehr Bezugspersonen zur Auswahl, und mehr Gelegenheit, sich von älteren Kindern in der Freizeit etwas abzuschauen.

Ergebnis sind deutlich bessere Noten. Kinder mit fremder Muttersprache lernen viel schneller deutsch. Der Anteil von Sitzenbleibern (in der Halbtagsschule liegt er bei 8,4%) reduziert sich in Schulen mit ganztägiger Betreung auf 2,4% und in „echten“ Ganztagsschulen weiter auf 1,4%.

Kein Wunder, dass die Plätze in Wiener Ganztagsschulen heißt begehrt sind. „Jedes Schuljahr muss ich 60 Kinder abweisen“, sagt Direktorin Pany, „und viele versuchen es gar nicht, weil sie wissen, dass sie ohnehin keine Chance haben.“ Kinder mit berufstätigen Eltern müssen bevorzugt aufgenommen werden, so lautet die Regel. Dies führt dazu, dass Ganztagsschulen heute Mittelklasseschulen sind. Kinder, deren Eltern sich den Betreuungsbeitrag nicht leisten können; deren Eltern arbeitslos sind; deren Mütter zu Hause sind, weil sie nie einen Beruf gelernt haben oder nicht einmal lesen und schreiben können – genau jene Kinder, die von den Ressourcen und der vielfältigen Förderung in einer Ganztagsschule am meisten profitieren würden, bleiben fast immer in Halbtagsschulen übrig. Auch Flüchtlingskinder (deren Eltern ja meist noch keinen Job haben) finden nur ausnahmsweise einen Ganztagsplatz.

Pany seufzt. Sie hadert mit diesem Dilemma. „Ich kann ja nicht eine berufstätige Alleinerzieherin abweisen, um ein Flüchtlingskind aufzunehmen“, sagt sie, „das wäre nicht argumentierbar, auch ich als Alleinerzieherin hätte das nicht verstanden.“ Lösbar sei dieser Konflikt nur mit einem flächendeckenden Angebot. Wenn sich die Ganztagsschule mittelfristig als Regelschule für alle durchsetzt, „und zwar selbstverständlich kostenfrei.“ Ähnlich formuliert es auch die scheidende SPÖ-Ministerin. Es wird interessant zu beobachten sein, ob die neue Regierung diese Prioritäten wieder verschieben wird.

Nimmt die Schule den Eltern die Kinder weg? Oder nimmt sie den Eltern die Kinder ab und erleichtert ihnen damit das Leben? Dieses Spannungsverhältnis existiert seit Einführung der Schulpflicht unter Maria Theresia. Anfangs orientierten sich die Unterrichtszeiten am Arbeitstakt von Handwerkern: Schule war von 8-11 und dann wieder von 14 bis 16 Uhr, dazwischen gingen alle zum Mittagessen nach Hause. Als ausgerechnet der sozialdemokratische Schulreformer Otto Glöckel 1920 den „ungeteilten Unterricht“ am Vormittag einführte, war das als organisatorische Erleichterung für Arbeiterfamilien gedacht. Von den Fünfziger- bis in die Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, als man das Ideal der Alleinverdienerfamilie hochhielt, waren Horte und Tagesheimschulen für jene bemitleidenswerten Kinder gedacht, deren Mütter arbeiten gehen „mussten“. Während sich, als Gegenbild dazu, die Hausfrau im bürgerlichen Milieu nachmittags um die Förderung des Nachwuchses selbst bemühte – mit Klavierunterricht, Tenniskurs oder privat bezahlten Nachhilfestunden. Noch in den Siebzigerjahren kampagnisierte die ÖVP gegen die „Zwangstagsschule“ und illustrierte dies mit Bildern von eingesperrten Kindern hinter Stracheldraht.

Die gesellschaftlichen Eliten allerdings setzten schon immer auf private Ganztagsschulen – wenn sie ihre Kinder nicht ohnehin gleich in teure Internate schickten. Ebenso jene Eltern aus bildungsnahen Milieus, die reformpädagogische Experimente ausprobierten. Vom Theresianum bis zu den Waldorf- und Steiner-Schulen: Keine ambitionierte Schule, der es auch um Persönlichkeitsbildung geht, kam je mit ein paar Stunden täglichen Unterrichts aus. Voraussetzung ist freilich, dass Familien der Institution, der sie ihre Kinder ganztags überantworten, vertrauen.

Wesentliches Hindernis auf dem Weg zur öffentlichen Ganztagsschule waren lange Zeit die Lehrer und Lehrerinnen. Den Halbtagsarbeitsplatz Schule für ihre Klientel zu verteidigen, hatte für die Lehrergewerkschaft jahrzehntelang Priorität; mit der Folge, dass Lehrer an den meisten Schulen bis heute keinen Ort haben, an dem sie arbeiten, sich in Ruhe besprechen, vorbereiten oder zurückziehen können. Doch auch hier hat in den letzten Jahren ein Umdenken stattgefunden. Pany hat, wie die meisten Ganztagsdirektorinnen, kein Problem, Personal zu finden. „Die jüngere Lehrergeneration kommt schon mit dem Rüstzeug dafür von den Universitäten. Die entscheiden sich ganz bewusst für die Ganztagsschule. Weil sie die Vorteile sehen, auch für sich selbst.“

Die da wären: Man ist für die Kinder seiner Klasse nicht allein verantwortlich, sondern arbeitet im Team, mit Freizeitpädagoginnen, Sporttrainern, Muttersprachenlehrerinnen und anderen. Man lernt die Kinder beim Essen, beim Spielen von anderen Seiten kennen, damit tun sich neue Zugänge zu ihnen auf. Lehrer in Ganztagsschulen sind weniger gestresst und zufriedener mit ihrer Arbeit, das zeigen alle Studien, und Pany kann das Phänomen aus eigener Erfahrung gut erklären: „Wenn ich von morgens bis mittags mit keinem einzigen Erwachsenen rede, und nachher so schnell wie möglich nach Hause renne, schleppe ich alle ungelösten Probleme mit. In der Ganztagsschule hingegen kann man alles in der Schule lassen.“

So ähnlich hat sie es über die Kinder und ihre Schultaschen auch gesagt.

Mehr Zeit, Mehr Raum

(Kasten)

Braucht die Ganztagsschule andere, neue Schulgebäude? Sicher. Kinder, die den ganzen Tag in der Schule sind, brauchen Platz zum Essen, und ebenso für Bewegung und Rückzug. Doch allzuhäufig wird das Argument „Wir haben zu wenig Platz für den Ganztagsbetrieb“ bloß als Ausrede genützt.

Die Architekten Franz Ryznar und Ursula Spannberger, Gründer der Platform „SchulUMbau“, beschäftigen sich seit vielen Jahren damit, Schulgebäude so zu planen, dass entspanntes Lernen möglich ist. Ein Schlüssel dabei ist die Mehrfachnutzungen von Räumen. Viele neue Extraräume für jede nur denkbare Aktivität zu schaffen, vom Musik- bis zum Computerzimmer, sei unwirtschaftlich und unrealistisch: „Klassenräume müssen so flexibel sein, dass die verschiedensten Aktivitäten drin möglich sind“, erklärt Ryznar. „Und sie müssen atmosphärisch so gestaltet sein, dass gern dort ist. Denn in einem Raum, in dem der Angstschweiß von Schularbeiten steht, will sich kein Kind länger als unbedingt notwendig aufhalten.“

Bewegung draußen ist immer wichtig. Speziell in der Stadt, wo Platz knapp ist, kann eine Lösung jedoch auch darin bestehen, sich das Revier rund um die Schule zu erschließen. „Dass man in den Park, auf die Wiese oder auf den Marktplatz geht, muss die Normalität sein, nicht die Ausnahme“, so Ryznar. Er erinnert daran, dass so gut wie alle innovativen Modellschulen ein Außenquartier haben – einen Acker, ein Stück Wald, einen Bauernhof, wo ein wesentlicher Teil des Lernens stattfindet, und wo Kinder an der frischen Luft anpacken können.

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.