Die Erfindung des Dynamits sollte der Welt Frieden bringen. Facebook sollte der Welt Demokratie und Aufklärung bringen. Beides ging schief.

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Alfred Nobel war ein Sohn aus wohlhabendem Haus. Sein Vater verdiente viel Geld mit Rüstungsgeschäften, die Familie wohnte im Süden Stockholms, mit Blick auf die Schären. Alfred war ein Eigenbrötler und talentierter Tüftler. In einem Schuppen auf ihrem weitläufigen Grundstück hatte er in Labor eingerichtet, wo er mit Nitroglycerin experimentierte. Das war ein kraftvoller Sprengstoff – nur leider im Alltag wenig praxistauglich, weil er bei der geringsten Erschütterung explodierte. Es war ein Samstag um 10 Uhr 30 vormittags, als die Scheune mit einem riesigen Knall in die Luft flog. Alfreds kleiner Bruder Emil, damals 21 Jahre alt, wurde zerfetzt und starb, ebenso ein Laufbursche, ein Tischler und eine Dienstmagd. Die Stockholmer Behörden verboten daraufhin weitere Experimente im Stadtgebiet. Der tragische Unfall hielt Alfred Nobel jedoch nicht davon ab, mit seinen Forschungen weiterzumachen. Er war sicher, an einer Erfindung zu arbeiten, die gewaltiges Potential hatte, die Welt zu verändern, und zwar zum Positiven: Eisenbahnbau, Bergbau, Metall- und Diamantenförderung – in einer Zeit rapider Industrialisierung würde ein wirksamer, sicherer Sprengstoff, der Berge versetzen konnte, Verkehr und Wohlstand beschleunigen.

So kam es tatsächlich. Nobel entwickelte zunächst die Initialzündung (mit der man Nitroglyzerin aus der Distanz zur Explosion bringen kann), und schließlich das Dynamit (eine Mischung, die den Sprengstoff stabil und transportsicher machte). Ökonomisch war seine Erfindung ein durchschlagender Erfolg. Nobel besaß schließlich 90 Fabriken in Europa und in den USA, das Dynamit machte ihn zu einem der reichsten Menschen seiner Epoche. Doch Zeit seines Lebens wurde er den Zweifel nicht los, ob er der Menschheit ein besonders geniales oder ein besonders zerstörerisches Geschenk gemacht hatte.

Er hatte „ein Mittel gefunden, das Menschen schneller als je zuvor töten“ könne, aber genau deswegen Menschenleben retten würde, meinte er: Denn die Zerstörungskraft von Explosionswaffen sei derart verheerend, dass alle Regierenden hinfort davor zurückschrecken würden, Kriege anzuzetteln. Das war ein Irrtum. Zuerst entdeckten Attentäter Sprengsätze für ihre Zwecke, nannten sich „Dynamitarden“, ermordeten unter anderen Zar Alexander II, und brachten die Ordnung des 19. Jahrhunderts ins Wanken. Alfred Nobel zog sich immer mehr zurück, unterstützte insgeheim die Armen, debattierte mit Bertha von Suttner über die Friedensbewegung, und beschäftigte sich obsessiv mit der Frage, wie die Nachwelt ihn beurteilen würde. Ergebnis dieser Gewissensqualen war die Gründung seiner Nobelpreis-Stiftung. Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebte er gottseidank nicht mehr.

Ist Mark Zuckerberg der Alfred Nobel unseres Jahrhunderts? Und Facebook das Dynamit, das die demokratische Kultur der westlichen Welt kaputtsprengt? Gewisse Parallelen gibt es. Auch Zuckerberg ist ein Visionär. Auch er hatte wohl nichts Böses im Sinn, als er seine geniale Erfindung machte. Er glaubte, der Menschheit ein Instrument zur Aufklärung und Wissensverbreitung in die Hand zu geben, und der Demokratie einen Dienst zu tun. Der gigantische ökonomische Erfolg, der Zuckerberg zu einem der reichsten Menschen seiner Epoche machte, ist am Ende jedoch nur durch die dunkle Seite von Facebook erklärbar. Durch das schier unendliche Manipulations-, Verhetzungs-, und Zerstörungspotential, das sich hier eröffnet hat, und die mannigfaltigen Profitchancen, die sich daraus ergeben.

„Wir waren allesamt zu optimistisch in Bezug darauf, was wir entwickeln und wie wir die Welt damit beeinflussen“, sagte Mark Zuckerberg jüngst. Auch er übt sich in Wohltätigkeit, hat Stiftungen gegründet, die Krankheiten besiegen und armen Menschen Bildung bringen wollen. Es scheint, als würde er heute von ähnlichen Dämonen heimgesucht wie einst Alfred Nobel.

 

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