Eine von wenigen guten Nachrichten: Sabine Ladstätter und ihr archäologisches Team dürfen in den antiken Stätten ab sofort wieder graben. Hoffentlich finden sie in der Erde Verbindendes.

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Dieser Tage beginnen in Ephesos wieder die archäologischen Grabungen. Viele Touristen kennen Ephesos, das in der Antike eine der prachtvollsten Metropolen der Welt war – den berühmten Artemis-Tempel, die Celsus-Bibliothek, die marmorgepflasterte Kuretenstraße. Grabungsleiterin Sabine Ladstätter und ihr Team waren vor fast zwei Jahren Opfer der politischen Verstimmungen zwischen der österreichsichen und der türkischen Regierung geworden. Nun ist ihre Zwangspause endlich vorbei – sie haben Visa bekommen, und dürfen weitergraben.

Jeder Mensch, der für Archäologie brennt, weiß, wie sehr diese Wissenschaft mit existenziellen Fragen aufgeladen ist. Wer bin ich? Wie bin ich geworden, wer ich bin? Mit wem gehöre ich zusammen? Diese Fragen stellt sich jedes Individuum irgendwann. Für die Identität von Staaten und den Zusammenhalt von Gesellschaften sind sie ebenfalls relevant.

Die Genetik sucht die Antwort auf diese Fragen im Inneren des Menschen (im Blut, könnte man sagen, wäre das nicht durch die Nazis und deren „Ariernachweise“ belastet). Ahnenforschung per Gentest ist mittlerweile ein Volkssport: Wieviel Prozent Mongolen-DNA steckt in mir? Die Archäologie hingegen sucht die Antworten nicht im Blut, sondern im Boden. In den Dingen, die der Mensch hinterlässt – seinen Töpfen und Tellern, seinen Schmuckstücken und Werkzeugen, seinen Kultgegenständen und Essensresten. Wie wohnst du, wie heizt du dein Haus, was isst du? fragt die Archäologie. Für welche Götter errichtest du Tempel, welche Tiere stehen in deinem Stall, wer regiert dich, und wo gehst du aufs Klo? Die Archäologie erklärt den Menschen nicht über seine Abstammung, sondern über seinen Lebensstil. Was ihn ausmacht, sind seine alltäglichen Erfahrungen, und die Werke, die daraus entstehen. Wie man in Ephesos sehen kann, geschah das in allen Phasen der Geschichte stets in Auseinandersetzung mit anderen Kulturen. Denn die brennenden Fragen von heute – Migration, Anpassung, Austausch, Unterwerfung – sind so alt sind wie die Menschheit.

Regierungen versuchten jedoch immer schon, die Archäologie zu benützen, um Eindeutigkeit herzustellen. Herrschaftsansprüche zu untermauern. Grenzen zu ziehen. Wer gehört hierher? Wem gehört das Land? Und wer soll gefälligst draußen bleiben? In der Erde sucht man Beweise, dass das eigene Volk vor allen anderen da gewesen sei – oder dass alles, was vor einem da war, primitive Barbarei gewesen sei, und erst die eigene segensreiche Präsenz den anderen Kultur und Zivilisation brachte. Die Nazis ließen in Carnuntum graben, weil sie beweisen wollten, dass die Germanen lang vor den Römern da waren. Im Kärntner Grenzland, Sabine Ladstätters Heimat, wo sie schon als kleines Mädchen in der Erde buddelte, hörte man es vor gar nicht langer Zeit noch gar nicht gern, wenn die Archäologie auf slawische Fundstücke stieß. Die Politik definierte Kärnten als deutsch; Belege langer slawischer Siedlungsgeschichte störten dieses Selbstbild.

Auch die Erdogan-Türkei hat heute nationalistische Großmachtsträume. Sie stellt Führungsansprüche – für Zentralsien, sowie für andere islamische Staaten. Erdogan sieht sich als Antipode zu Europa, und versucht sich, wo immer es geht, abzugrenzen: Eine Lehrplanreform vergangenes Jahr versuchte, vom „eurozentristischen“ Geschichtsunterricht abzurücken und die islamischen Traditionen stärker zu betonen. Die Evolutionslehre wurde aus dem Schulunterricht verbannt.

Sabine Ladstätter hat es als Grabungsleiterin in all den Jahren geschafft, sich von niemandem vereinnahmen zu lassen. Sie führt ein internationales Team, das türkische und westliche Wissenschaftler vereint; gemeinsam graben sie in einer Erde, die sowohl für das moderne Europa als auch für die modere Türkei Bedeutung hat. Viel Erfolg, Frau Ladstätter, und viel Freude bei Ihrer Arbeit!

 

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