Im dritten Jahr nach der Flüchtlingskrise hat sich Österreich verändert, und meine syrische Freundin Fatima ebenfalls. Beide Veränderungen haben miteinander zu tun.

Eine Langzeitbeobachtung für den Falter

Österreich hat eine neue Regierung. Auch meine syrische Freundin Fatima hat eine neue Regierung. Sie weiß es: Sie liest U-Bahn-Zeitung, verfolgt die Nachrichten, sie versteht, dass sie – als Muslimin, Flüchtling und Mindestsicherungsbezieherin – alle hitzig diskutierten politischen Themen dieses Landes auf sich vereint. Und sie spürt es: In der Straßenbahn wird sie öfters missbilligend angezischt. „Geh zurück nach Hause, wir haben dich nicht eingeladen“, sagen ältere, fein angezogene Damen. „Ned amal Deutsch kannst!“

Fatima hat neuerdings das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen – nicht vor den Damen, sondern auch vor uns. „Wegen den Flüchtlingen“ ist Österreich gespalten. „Wegen den Flüchtlingen“ sind die Grünen aus dem Parlament geflogen. „Wegen den Flüchtlingen“ regieren jetzt Kurz und Strache. „Wegen den Flüchtlingen“ werden die Sozialleistungen für alle gekürzt.

Es ist einer der frühen heißen Tage dieses Frühlings, Fatima und ich sitzen auf einer Picknickdecke in Steinhof, ihre drei Kinder machen Experimente mit Brennesseln, wir schauen auf Wien hinunter. Es ist so schön. Ich erzähle, dass Österreich früher anders war. Man fürchtete sich nicht vor Attentaten, der Islam war kein Thema. Es klingt wie ein Märchen aus ferner Zeit. Fatima schaut mich verzweifelt an, als hätte ich in diesem Moment die Gesamtschuld für den Zustand des Landes auf ihre Schultern geladen. „Das war nicht meine Absicht“, sagt sie, in den gewählten Worten, die sie inzwischen verwendet. Es gibt mir einen Stich.

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Klar ist: Unter den neuen politischen Verhältnissen wird der Druck wachsen, ökonomisch ebenso wie rechtlich. Es wird bald weniger Geld geben, weniger Unterstützung, mehr Drohungen, mehr Druck. Auch für alle, die im Alltag mit geflüchteten Menschen zu tun haben, wird der Stress größer werden. Gleichzeitig erwische ich mich jedoch manchmal dabei, wie ich Kurz/Strache als Argument benütze, wenn ich nicht mehr weiter weiß. „Du musst endlich selber Geld verdienen“, höre ich mich sagen, wenn mir jemand mit seiner Laschheit auf die Nerven geht, „unter der neuen Regierung wird es nicht ewig so weitergehen.“ Oder: „Wenn du nicht schnell besser deutsch lernst, findest du nie Job, und wenn du keinen Job findest, werden sie dich irgendwann zurückschicken“. Ich klinge wie eine penetrante Gouvernante. „Feldwebel“ nennt mich eine Freundin.

Bin ich zu ungeduldig? Zeit zum Nachzählen. Von den etwa 40 Erwachsenen in unserer zufällig zusammengewürfelten Flüchtlingsgruppe haben inzwischen zehn richtige Jobs. I. hat in der Firma unseres Nachbarn ein Praktikum als Buchhalter gemacht und war so gut, dass sie ihn angestellt haben – einfach so. Zwei hat das AMS vermittelt – M. zu Magna nach Graz, S. zu Blizzard nach Mittersill. P., das somalische Sprachgenie mit der immerguten Laune, arbeitet als Übersetzerin bei der Caritas; unser Mitbewohner A. schneidet Videos in der „Standard“-Onlineredaktion. Fünf junge Leute haben Saisonjobs in der Gastronomie angenommen: G. in einem Meidlinger Bierlokal, H. und R. in einem Eissalon in Baden, A. und S., arbeiten, inzwischen schon den dritten Sommer, bei unseren Freunden im Ausflugsgasthaus am Gleinkersee (wo A. inzwischen zum Buchtelkönig aufgestiegen ist).

Mehrere haben, obwohl sie schon zwischen 20 und 30 sind, nochmal eine Lehre begonnen – als Koch, Klimatechniker, Lebensmitteltechniker, Friseur; der quirlige L. als technischer Zeichner in einem Architekturbüro (ein Facebook-Aufruf hat ihn mit seinem Chef zusammengebracht). Den inoffiziellen Orden als Heldin der Arbeit trägt Fatimas Schwester H.: Sie hat in den letzten beiden Jahren quasi rund um die Uhr gelernt und alle Prüfungen für die Nostrifizierung ihres Pharmazie-Studiums geschafft. Seit Juli steht sie hinter der Ladentheke einer Apotheke.

Aber nicht bei allen ging es gut. Bei der 25jährigen S. drückte ein bewaffnetes Polizeikommando im Morgengrauen die Tür ein und steckte sie in Schubhaft – sie muss zurück nach Italien, ein Dublin-Fall. Drei Afghanen kämpfen gegen einen negativen Asylbescheid, während eine libysche Familie, seit eineinhalb Jahren, immer noch auf das allererste Interview wartet. Mehrere Frauen haben Babies bekommen, um die Landung in der Arbeitswelt noch ein, zwei Jahre hinauszuschieben. Bei anderen schleicht sich langsam Ratlosigkeit ein.

G., die Mathematiklehrerin, jobbt geringfügig in einer Buchhandlung, packt dort Geschenke ein, schlichtet Regale. Sie redet gern, lacht viel. Bis sie eines Tages kurz verschwindet. Die Chefin findet sie in einer Ecke kauernd, neben einem Stapel Mathematik-Übungsbücher, die eben geliefert wurden. G. weint. Sie werde nie wieder in einer Schule stehen, nie wieder Mathematik unterrichten, habe ihr die AMS-Beraterin mitgeteilt. Es gab zwar ein spezielles Schulungsprogramm für geflüchtete Lehrer, doch dafür sei G.s Deutsch nicht gut genug, sie sei auch schon „zu alt“. G. ist vierzig. Demnächst, so steht es in der Zeitung, soll das Lehrerprogramm wegen fehlender Finanzierung ganz eingestellt werden.

  1. ist Tischler, packt stets an, wenn ihn jemand braucht. Für ein Flüchtlingsheim hat er, unter den stauenden Blicken von Architekturstudenten, aus Sperrmüll ein ganzes Cafe samt Bühne gezimmert. Doch Deutsch schafft er einfach nicht. „Ich will arbeiten“ ist der einzige Drei-Wort-Satz, den er herausbringt. Keine Firma wird je einen Tischler brauchen, der nichts versteht.

Das Ehepaar B., beide über 50, hat überhaupt aufgegeben: Zuhause waren sie reich, hier sind sie niemand. Nochmal bei Null anfangen? Putzen gehen? Ihre Kinder, 25, 20 und 17 Jahre alt, haben hiesige Freunde, schmieden Pläne, machen Ausbildungen, gehen auf Partys; die Eltern jedoch wollen und können nicht mehr. Sie werden zu Verwandten nach Ägypten ziehen, die Kinder allein hierbleiben. Den Bürgerkrieg hat diese traditionelle, autoritäre, konservative Familie überlebt. Den österreichischen Alltag nicht.

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Es wird viel über die Mindestsicherung diskutiert in diesen Monaten. Auch ich hadere damit. Immer wieder leiten wir Jobangebote weiter, „Eine Catering-Firma sucht eine Küchenhilfe, das ist gleich bei euch um die Ecke, wäre das nichts für deine Mutter?“, frage ich. „Meine Mutter ist noch nicht bereit“, antwortet L. Mich ärgert das. Brauchen manche Menschen wirklich existenzbedrohenden Druck, um in die Gänge zu kommen?

1800€ bekommt eine fünfköpfige Familie monatlich vom Sozialamt. Das ist nicht so viel, angesichts der horrenden Mieten, die alle zahlen. Problematischer als die Höhe der Geldleistung ist jedoch etwas anderes: Die Mindestsicherung trainiert die Menschen in ein komplexes Regelsystem hinein, aus dem sie nur schwer wieder herausfinden. Ständig muss man Formulare ausfüllen, pünktlich zu Kontrollterminen erscheinen, Nachweise bringen („Legen Sie Kontoübersichten bei“), Wohnungspläne zeichen („Wo schläft wer?“), Dokumente parat haben („für alle im Haushalt lebenden Personen“). Laufend werden neue Hürden aufgestellt: Mal muss man, ehe man Geld kriegt, beim Bezirksgericht Unterhaltsklage gegen Verwandte einbringen; mal muss man den „Integrationsvertrag“ unterschreiben, und dafür nächtelang auf der Straße Schlange stehen.

All das ist demütigend, es hält die Leute rund um die Uhr auf Trab. Gleichzeitig hält es sie von den wirklich wichtigen Fragen ab: Wie verdient man eigentlich eigenes Geld? Wie funktioniert die Arbeitswelt? Denn vor der haben viele immer noch große Scheu. Besonders schwer ist es, sie für einen Job aus Wien hinauszulocken. Am Land, sagen die Syrer, mag man uns nicht.

Geschichten wie jene von H. nähren all diese Ängste. H. ist ein Selfmademan, aufbrausend, stolz, direkt. Mehrmals schon hat ihn der Tod gestreift: Unfälle, Bomben, Schiffbruch, seine Heimatstadt Homs ist ein Trümmerhaufen. H. beschloss am ersten Tag, so schnell wie möglich Österreicher zu werden. Er zog absichtlich in ein Stadtviertel, in dem es kaum Ausländer gibt, trainiert täglich im McFit und wollte so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen. Als ein Bekannter einen Job in einer Lebensmitttelfabrik anbietet – Niederösterreich, Schichtdienst, harte Arbeit, gutes Geld – schlägt H. sofort zu. Er lässt Ehefrau und drei Kinder in Wien und bezieht ein Pendlerzimmer. „Ich schaffe das“, postet er auf Facebook, jetzt beginnt unser neues Leben.

Zu Beginn seiner zweiten Arbeitswoche ist irgendetwas faul. Wie ein Krankenstand funktioniere, fragt H. per Chat. Was ist los? H. antwortet ausweichend. Er sei erschöpft, sagt er kryptisch, aber er werde kämpfen. Anfang der dritten Woche schließlich ruft der freundliche Personalchef an: Es sei ihm sehr unangenehm, aber er müsse berichten, dass ein aufgebrachter H. eben in sein Büro geplatzt sei, um sich über Rassismus zu beschweren. Man habe sich wirklich bemüht, aber so gehe das leider nicht. Oweh, denke ich.

Es gibt zwei Varianten dieser Geschichte. Die Variante der Firma: H.s Leistung habe nicht gepasst, er sei der langsamste im Team, niemand in der Firma sei ausländerfeindlich (schließlich seien fast alle Beschäftigten Ausländer), H. komme mit seiner Vorgesetzten nicht klar, vielleicht liege das daran, dass Araber sei, und sie eine Frau? H.s Variante: Die Kollegen und die Schichtleiterin, Ungarn und Rumänen allesamt, hätten ihn von Anfang an anrennen lassen, absichtlich unverständlich gesprochen, damit er Fehler mache, und sich dann über ihn lustig gemacht. Mehrfach hätten sie ihn als arabischen Terroristen beschimpft, müsse er sich das wirklich gefallen lassen?

Gut möglich, dass beide Geschichten gleichzeitig wahr sind. Nach drei Wochen ist das Experiment zu Ende, H. ist zurück in Wien, alle Ängste unserer Bekannten haben neue Nahrung, und ich bin frustriert.

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Auch Fatima tritt auf der Stelle. Fatima, die Tapfere, die in Syrien mit drei kleinen Kindern stets berufstätig war, strebsam, eloquent, selbstbewusst – inzwischen ist sie zermürbt. Sie hat hartnäckige Fieberblasen auf der Unterlippe. In der syrischen Telefonfirma war sie Abteilungsleiterin, ihr Ehemann Mohammed war ihr Untergebener. Doch hier in Wien sagt sie jetzt Sätze wie: „Vielleicht sollte zuerst Mohammed einen Job finden.“

Seit zweieinhalb Jahren reiht sich bei ihr Kurs an Kurs, Prüfung an Prüfung, Deutsch A1, A2, B1, B2, Englisch, Computerführerschein. Sie hat es mit einem technischen Lehrgang versucht: Im TGM saß sie in einem Hörsaal voller Berufsschüler, sie war eine von ganz wenigen Frauen und die älteste im Raum. Niemand sprach mit ihr. Sie versuchte sich zu konzentrieren, aber sie verstand kein Wort. Der Lektor, Maschinenbauer, sprach frei, im Wiener Dialekt, führte Schmäh. Es gab keine Folien, kein Skriptum zum Nachlesen. Fatima versuchte mitzuschreiben, aber sie wusste nicht, was. Sie zeigte auf und bat den Lektor, deutlicher zu sprechen, er bemühte sich drei Sätze lang, dann vergaß er es wieder. Am Ende der Stunde bat Fatima ihren Banknachbarn, ein Foto seiner Mitschrift machen zu dürfen. Er drehte sich brüsk weg. Fatima riss sich zusammen. Erst in der Straßenbahn weinte sie.

Das „Frauen-in-Technik“-Programm, Bewerbungstrainings, Coaching-, Mentoring- und Vermittlungsplattformen – alles hat Fatima durch, der konkrete Job fehlt immer noch. Ich bin mit meinem Latein am Ende. Ich verstehe nichts von IT und Telefonen. Ich habe keine Ahnung, wie qualifiziert Fatima am Computer ist. Für welchen Job wird man sie in Österreich je brauchen? Sie wolle ja „nicht umbedingt Bundespräsidentin werden“, schreibt sie im Chat, das ist der Schmäh, den ich an ihr so liebe. Doch auch von mir ist sie enttäuscht. „Ich will ehrlich sein, das bringt doch alles nix“, kommt ihre barsche Antwort, kurz nach Mitternacht, als ich sie um Hilfe für diesen Text bitte. „Du bist berühmde Journalistin und viele haben die Geschichte von Fatima gelesen. Ich habe erwartet dass ich danach schnell einen Job finde …. aber leider nix…Ich bin jetzt ratlos! Ich bin müde! Ich kann mein Leben nicht mehr vergnügen!“

Gemeinsam ratlos sitzen wir beim AMS, ein ehrliches Gespräch. Es sei nicht leicht am Arbeitsmarkt, sagt ihre Beraterin, zumal Fatima zwei Handicaps habe: das noch nicht perfekte Deutsch, und das Kopftuch. Fatima zuckt zusammen. Zum ersten mal hat von offizieller Seite jemand ausgesprochen, was sie monatelang von mir nicht hören wollte. „Mein Hijab stört bei der Arbeit? Warum denn??“, sagt sie, entgeistert, verzweifelt. „Dann muss ich zu Hause bleiben“, setzt sie nach ein paar Schrecksekunden eisig, trotzig nach. „Wie ihr wollt.“

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„Wie ihr wollt“? Jetzt bin ich an der Reihe, die Fassung zu verlieren. Was soll das heißen? Wer ist „ihr“? Ich bin wütend auf alle: Auf die Rassisten, die Fatima anpöbeln, auf die Politiker, die sie dazu anstiften, auf die Mullahs, die sich frauenverachtende Kleidervorschriften ausdenken, und auf meine sture Freundin, die an diesen Vorschriften eisern festhält und ihren Hijab liebt. Alle destruktiven Kräfte haben sich mittlerweile miteinander verschworen, um Integration zu verhindern.

Welch fatale Dynamik dieses Bündnis entfalten kann, wird mir klar, als ich I. und K. kennenlerne. Die beiden sind ein schüchternes Ehepaar aus einem syrischen Hühnerdorf. Sie haben Angst vor der U-Bahn, Angst vor der Stadt, tasten sich nur widerwillig hinaus ins Leben. K., 21, ist klein, zart und schon dreifache Mutter. Selbst hat sie 12 Geschwister, und nie gelernt, „ich“ zu sagen. K. sei noch so jung, sage ich zu ihrem Ehemann. Sobald alle Kinder im Kindergarten seien, werde sie einen Beruf lernen können, was käme denn da in Frage? Egal, antwortet I., seine Ehefrau werde ohnehin nicht arbeiten. „Aber sie muss!“ sage ich entrüstet. „Nein, sie muss nicht, weil sie Hijab trägt“, erklärt er mir listig. „Für Frauen mit Hijab gibt es in Österreich keine Arbeit. Das sagen alle, auf Facebook, überall.“

Ich schnappe noch nach Luft, während I. mich schon triumphierend angrinst. Der Hijab schützt vor Arbeit, und die Diskrimierung gegen Musliminnen in der Arbeitswelt liefert den wollkommenen Vorwand dafür: I. hat es schneller durchschaut als ich.

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„Das sagen alle“: Sogar Fatima ist vor Legenden nicht gefeit. Wir sitzen auf ihrem Ecksofa beim Kaffee, aufgeregt, denn wir haben eine neue Idee. Die ÖBB sucht Fahrdienstleiter – „das wäre was für dich!“ Fatima am Steuerpult, wie sie Weichen für die großen Züge stellt, gewissenhaft ist sie ja. Wir schauen uns Werbe-Testimonials auf Youtube an. Fatima erinnert sich an den schönsten Moment ihrer Flucht: Ein Bahnsteig in Kroatien, die Kinder zerren quengelnd an ihrer Hand, alle erschöpft, da fährt ein Zug ein, man sagt ihnen, sie sollen einsteigen, der fahre nach Wien. Nach Wien! Endlich in Sicherheit! Mit dem Zug! Wir schreiben das in ihren ÖBB-Bewerbungsbrief. Dann stolpern wir über das Wort „Schichtdienst“. „Heißt das, ich muss in der Nacht arbeiten?“ „Sicher, Züge fahren ja auch nachts.“ „Können das nicht die Kollegen statt mir machen?“ „Beim Bewerbungsgespräch würde ich das nicht gleich fordern“, sage ich, „was ist denn so schlimm daran, ab und zu?“ „Dann muss ich nachts auf der Straße gehen, und Musliminnen werden nachts auf der Straße überfallen“, sagt Fatima. Von wem? „Von Betrunkenen. Von Rassisten.“ „Ist dir das denn schon passiert?“ „Nein“, sagt sie. „Aber das sagen alle, auf Facebook, überall.“

Es scheint zwei parallele Welten zu geben. In der einen fürchten sich österreichische Frauen vor arabischen Männern. In der zweiten fürchten sich arabische Frauen vor österreichischen Männern. In beiden Welten wird behauptet, wegen den jeweils anderen könne man nachts nicht mehr auf die Straße gehen. Mohammed, der uns die ganze Zeit zugehört hat, bricht an dieser Stelle in prustendes Lachen aus. Diese Spiegelbildlichkeit der Ängste ist uns allen nie so deutlich bewusst geworden. Es ist genau jene Art Ironie, die Mohammed gefällt.

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Die älteste Tochter von Mohammed und Fatima kommt im September in die erste Klasse Gymnasium. Sie ist nicht die einzige aus unserem syrischen Bekannenkreis, die das geschafft hat – viele der Kinder haben schnell gut deutsch gelernt, und sehr geholfen hat dabei, wenn sie in Ganztagsschulen gehen. Speziell für Eltern, die sich in Wien nicht so gut auskennen, die in engen Wohnungen leben, keine Omas und kein gewachsenes Netzwerk haben, ist es sehr wichtig, wenn ihre Kinder den ganzen Tag versorgt sind und jemand ihnen bei den Aufgaben hilft. Doch genau hier zeigt sich eine der vielen Absurditäten unseres Schulsystems: Denn genau diese Familien haben eigentlich gar keinen Anspruch auf die raren Ganztagsplätze. Die sind für Kinder berufstätiger Eltern reserviert.

Fatima aber hat Glück. Über Vermittlung einer Freundin dürfen ihre zwei jüngeren Kinder im kommenden September in eine der begehrtesten Privatschulen Wiens wechseln. Es ist eine Ganztagsschule in der Nähe ihrer neuen Wohnung in einem gutbürgerlichen Bezirk, sie gehört einer kirchlichen Stiftung, hat einen großen Garten, schicke Schuluniformen, fast alle Kinder haben Deutsch als Muttersprache. Man zahlt hier normalerweise über 400 Euro pro Monat, doch Fatima bekommt zwei Stipendienplätze. Wie super!

Fatima freut sich riesig. Sie forscht aber noch nach. „Eine Schule von der Kirche, wird dort sehr viel gebetet?“ „Nur ein bisschen, Beten ist für die meisten österreichischen Familien nicht so wichtig.“ „Warum wollen sie dann eine religiöse Schule?“ Heikle Frage, schwierige Antwort. „Weil es eine gute Schule ist, mit netten Lehrern, einem großen Garten, und weil dort nicht so viele Ausländerkinder sind wie in der normalen Schule.“ „Wir sind auch Ausländer.“ „Kein Problem, ihr passt dorthin, glaub mir.“ „Sind die Leute dort gegen Flüchtlinge? Wählen sie FPÖ?“ „Nein, Fatima, keine Sorge, die Eltern dort mögen Flüchtlinge, die sind wie wir, viele Grüne, Journalistenkollegen, SPÖ-Politiker.“ „Warum gehen ihre Kinder dann nicht in eine normale Schule, wo mehr Flüchtlinge sind?“ Ich höre meinen Erklärungen zu, die immer absurder klingen. Fatima schaut prüfend, aber sie hat verstanden. Sie hat es schon wieder geschafft, den Finger genau dorthin zu legen, wo es weh tut.

„Ihr passt dorthin“: Ich habe das wirklich so gemeint. Was ihre Umgangsformen, ihre Bildung, ihren traditionellen Familiensinn betrifft, gehört Fatima genau in dieses bürgerliche Umfeld, wie auch in ihre gediegene Altbauwohnung mit den Flügeltüren. Zur Unterklasse zugehörig machen sie gleichzeitig Äußerlichkeiten: Ihr Kopftuch, die Termine beim Sozialamt, das fehlende Geld, das kaum für die Miete reicht. Fatima zuckt jedesmal zusammen, wenn wieder ein Kuvert mit einem Erlagschein kommt. Schulkleidung, Ausflüge, Geburtstagsgeschenke – das Leben unter wohlhabenden Menschen ist teuer. Fatima kompensiert den Mangel mit Jagdinstinkt. Sie hat einen Sport draus gemacht, systematisch Flohmärkte abzugrasen, und dort Dinge zu finden, um die sie alle – allen voran ihre Schwester – beneiden.

Das edle grau-beige Tuch, das sie heute trägt? „1 Euro, Kirchenflohmarkt“, sagt sie stolz. Die schicke weiße Wolltunika? „50 Cent“, grinst sie. Wir sagen ab heute nicht mehr „Flohmarkt“, wir sagen „Vintage“ dazu, wie es sich in diesen Kreisen gehört.

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Fatimas Haus in ihrer syrischen Heimatstadt steht noch. Das wissen sie, denn sie haben es in einem wackeligen Video gesehen, das auf Youtube kursiert. Mohammed zückt sein Handy und ruft das Video ab. Es zeigt ein Interview mit einem hohen Offizier der syrischen Regierungsarmee. Der Offizier steht auf einer Straßenkreuzung in einer noblen Wohngegend. Ein Polizist regelt den Verkehr. Im Hintergrund: Das dreistöckige Haus, gebaut von Fatimas Schwiegereltern, kühle polierte Steinmauern, über den Gartenzaun ragen die Wipfel von Palmen. Das Ehepaar und die Kinder bewohnten den ersten Stock, die Schwiegereltern das Erdgeschoß. „Es ist das schönste Haus im Viertel“, sagt Mohammed stolz. Und weil es so schön ist, wohnen jetzt Generäle drin.

Was der Offizier in dem Video in die Kamera sagt, auf der Straße vor ihrem Haus, klingt wie eine direkte Nachricht an Fatima und Mohammed, hier auf ihrem Wiener Sofa: „Wer aus Syrien nach Europa geflohen ist, den brauchen wir hier gar nicht mehr“, sagt der Offizier. „Die sollen gar nicht mehr zurückkommen.“

Fatima und Mohamed verstanden die gesamte Tragweite dieser Botschaft sofort. Für die österreichiche Öffentlichkeit erschließt sie sich erst einige Monate später: Als der syrische Diktator Assad im Frühjahr 2018 offiziell per Gesetz die Enteignung aller Geflüchteten verkündet. Vier Wochen haben alle Bürger Zeit, um ihre Ansprüche auf Grundstücke, Häuser und zurückgelassene Wertgegenstände vor Gericht einzubringen. Wer das nicht tut – oder nicht tun kann, weil er nicht in Syrien ist – dessen Besitzrecht erlischt.

Die Terrasse. Der Schatten unter den Bäumen. Der Innenhof, wo die Älteste Radfahren gelernt hat. Der Schlüssel, der manchmal im Schloss klemmte. Der Blick aus dem Schlafzimmerfenster: So oft hat Fatima mit dem Gedanken gespielt, das alles eines Tages wiederzusehen. So oft wurde sie gleichzeitig von der neuen österreichischen Regierung daran erinnert, dass Asyl bloß ein „Schutz auf Zeit“ sei, und dass Flüchtlinge zurückkehren müssten, um „ihr Land wieder aufzubauen“.

So gern habe ich selbst mir schon den Moment ausgemalt: Wie es wohl sein wird, irgendwann, wenn wir alt sind, mit Fatima in ihre Heimatstadt zu reisen, und auszuprobieren, ob der Schlüssel zu ihrem Haus noch passt. Spätestes heute, im dritten Jahr nach dem Flüchtlingsherbst, ist klar: Das wird alles nie passieren. Das Haus ist weg. Es gibt kein Zurück.

„Geh doch zurück nach Hause, wir haben dich nicht eingeladen!“, werden die ahnungslosen feinen Damen in der Wiener Straßenbahn trotzdem weiterzischen. Ich ermuntere Fatima, ihnen doch mal zu antworten. Ihre ruhigen, klaren, gewählten Worte würden die Damen beschämen, meine ich. Aber Fatima sagt, sie hat keine Kraft dazu. Die Antwort, die sie geben müsste, wäre zu lang.

 

 

 

 

 

 

 

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One Response to Harte Landung

  1. Respekt an jeden, der in einem völlig fremden Land noch einmal erfolgreich von vorne anfängt!

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