Scham, Schande, Angst und Heimlichkeit begleiten die Sexualität junger Frauen seit vielen hundert Jahren. Ganz vorbei ist es damit offenbar noch nicht.

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Ein Dorf im Weinviertel, 300 Einwohner, Pendlerdistanz nach Wien, flaches Land. Die Vorderfronten der Häuser fädeln sich an der Hauptstraße entlang, dahinter liegen uneinsehbare Innenhöfe, dahinter die Scheunen, ganz hinten die Obstgärten. „Ist denn hier gar niemand?“, fragen sich Städter manchmal unwillkürlich, wenn sie am Wochenende mit dem Auto durch solche Ortschaften fahren. Auf der Straße jedenfalls sieht man häufig keinen einzigen Menschen.

Letzte Woche fand man in diesem Weinviertler Dorf eine Babyleiche im Gebüsch. Ein kleiner Bub war es, geboren vor vier Wochen, bei seiner Geburt höchstwahrscheinlich gesund. Seine Mutter, eine 18jährige Schülerin, hatte ihn weggelegt. Niemand, heißt es, habe von ihrer Schwangerschaft gewusst. Offenbar hatte sie das Kind ganz allein zur Welt gebracht. Sie dachte, es sei tot gewesen, sagt sie.

Wir kennen solche Geschichten. Die Literaturgeschichte ist voll mit Schicksalen sogenannter „gefallener Mädchen“. Mal war bei der Schwängerung große Verliebtheit im Spiel. Mal war es schneller, achtloser Sex am Heuboden, mal war es eine Vergewaltigung. Die Mädchen jedenfalls blieben mit den Folgen übrig. Man kann das Gefühl noch heute nachempfinden, denn es hat sich über Generationen hinweg tief ins kollektive Bewusstsein von Frauen eingegraben: das monatelange, quälende Bangen und die Selbstvorwürfe. Die Angst vor dem Zorn der Eltern, dem verächtlichen Zischen der Nachbarn, dem Tadel des Pfarrers und dem Höllenfeuer. Das Wissen, Schande über die Familie zu bringen. Sich die Zukunft unwiderruflich verbaut zu haben, auf dem Heiratsmarkt unvermittelbar zu sein. Und vielleicht bis ans Lebensende geächtet zu bleiben.

Scham, Schande, Heimlichkeit und Selbstzerstörung – das war über viele Jahrhunderte hinweg die Begleitmusik zur Sexualität junger Mädchen im Patriarchat. Millionen starben bei illegalen Abtreibungsversuchen – sie schluckten Rattengift, stachen sich Stricknadeln in den Unterleib, stürzten sich Stiegen hinunter. Sie verheimlichten ihre Schwangerschaft solange es irgendwie ging. Sobald sich ihre Bäuche wölbten, verschwanden sie plötzlich, kehrten erst Monate später oder nie wieder zurück. Ihre Kinder mussten sie auf Pflegeplätzen oder in Findelheimen zurücklassen, häufig brach es ihnen das Herz (Astrid Lindgren erging es so – ihre Geschichte ist derzeit in einem aktuellen Kinofilm zu sehen). Manch eine Frau legte ihr Neugeborenes auf die Kirchenstufen. Wenn einer gar nichts anderes mehr einfiel, drückte sie ihm ein Kissen auf den Mund, bis es erstickte.

So war das bei uns. So ist das in weiten Teilen der Welt heute noch. Aber im Jahr 2018? In einem modernen westlichen Land, das die Schuld-und-Buße-Ideologie der katholischen Kirche abgeschüttelt hat, wo Gleichberechtigung in der Verfassung und Sexualaufklärung in den Schullehrplänen steht, in dem es Mädchenberatungsstellen, Jugendsozialarbeiter, Telefonhotlines, Online-Ratgeber-Foren, flächendeckende Krankenversicherung und Verhütungsmittel in jedem Drogeriemarkt gibt?

Man versucht, sich vorzustellen, was in einem Weinviertler Dorf heute alles zusammenkommen muss, bis ein 18jähriges Mädchen ihr Baby tötet. Man versucht sich vorzustellen, wie sie das alles gemacht hat: Das Sich-Verstecken, das Lügen, das Weite-Kleider-Anziehen, das Sich-Ausreden-Ausdenken, die Schmerzen, das Gebären, ganz allein. Man überlegt, wer aller für sie da sein hätte können: Die Eltern. Der Mann oder Bursch, der sie geschwängert hat. Da waren Freundinnen und Freunde, denen sie aus irgendeinem Grund nicht vertrauen konnte. Lehrer und Lehrerinnen, die nichts bemerken wollten. Nachbarn, die lieber tuschelten oder wegschauten als konkrete Hilfe anzubieten. Keine verständnisvolle Tante weit und breit. So viel Angst, so viel Sprachlosigkeit, so viel Desinteresse, so viel Leere. „Ist denn hier gar niemand?“ Nein, manchmal nicht.

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