Sich propagandistisch auf die Caritas einzuschießen, ist unfair und kurzsichtig. Denn NGOs samt Profis und ehrenamtlichen Helfern können vieles besser als der Staat.

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In Notsituationen weiß man plötzlich, worauf es ankommt – im Schneechaos zum Beispiel. Klar ist es da wichtig, dass Bundesheer, Straßenaufsicht, staatlicher Wetterdienst und Krisenstäbe funktionieren. Doch ganz allein schafft der Staat die Bewältigung keiner Krise. Er kann nicht überall gleichzeitig sein, er kann nicht unbegrenzt Personal anheuern, und hat nicht jede Art von Expertise stets parat. (Man erinnere sich bloß daran, wie in Traiskirchen Kinder tagelang auf dem nackten Erdboden schliefen, weil das Innenministerium nicht in der Lage war, Betten zu organisieren). Gäbe es morgen in Österreich ein Erdbeben, und irrten wir zu Tausenden durch die Straßen – wir müssten uns Gottseidank nicht nur auf den Staat verlassen. Wir könnten drauf zählen, dass Caritas, Rotes Kreuz, Ärzte ohne Grenzen und andere Hilfsorganisationen ebenfalls für uns da sein werden. Immerhin üben die täglich Kriseneinsätze auf der ganzen Welt.

Ähnliches gilt für persönliche Katastrophen. Grade noch war man ein flotter Leistungsträger – plötzlich ist man ein Pflegefall, angewiesen darauf, dass jemand einem den Rollstuhl schiebt und die Leibschüssel ausleert. Niemand ist unverwundbar. Man kann psychische Probleme haben oder einfach sehr viel Pech. Ein Unfall, eine missglückte Investition, falsche Entscheidungen, falsche Freunde – und schon ist man pleite, mit der Familie zerstritten, obdachlos. Es werden nicht ausschließlich staatliche Institutionen sein, die sich dann um einen kümmern. Sozialämter, Jugendämter, Gerichte, Spitäler, Polizei, Arbeitsmarktservice – sie alle schicken routinemäßig jeden, der längerfristige Zuwendung braucht, an die Caritas und andere NGOs weiter. Diese Aufgaben bekommen die Organisationen selbstverständlich aus öffentlichen Mitteln bezahlt.

Zusätzlich gibt es dort aber noch private Spenden und die Hilfe von zigtausend ehrenamtlichen Freiwilligen. Die geben ihre Zeit, ihre Energie, bringen an der Seit der Profis ihre Expertise ein. Derzeit etwa, in der akuten Kältewelle, kümmern sich 750 Caritas-Freiwillige um Obdachlose. Wow!, müsste da eigentlich jede Regierung jubeln. So viele Bürger, denen das Gemeinwohl am Herzen liegt, zusätzlich zu den Steuern, die sie ohnehin schon bezahlen! Professionalität plus Empathie – was für ein großartiger Schatz das ist!

Man kann als Regierung aber natürlich auch gegenteilig reagieren. Man kann versuchen, NGOs gezielt schlechtzumachen (wir erinnern uns an das Wort „NGO-Wahnsinn“, das der Kanzler prägte). Man kann Spender verschrecken, indem man so tut, als kümmere sich die Caritas ausschließlich um Flüchtlinge (während in Wirklichkeit der Großteil ihres Budgets in Pflegeheime fließt.) Man kann dem Caritas-Chef öffentlich ausrichten, er habe „wahrscheinlich ohnehin nicht ÖVP gewählt“, und deswegen seinen Wunsch nach „mehr Empathie“ barsch zurückweisen. Man kann die Caritas, wie es führende FPÖ-Funktionäre permanent tun, als „Asylindustrie“ diffamieren, ihr „Profitgier“ und „falsche Menschlichkeit“ unterstellen und sie in den sozialen Medien zur Zielscheibe für Hass und Häme machen.

Wenn all das Wirkung zeigt; wenn die Spender und die Freiwilligen wegbrechen, kann die Regierung dann all die ausgelagerten Aufgaben in staatliche Hände zurückholen. Den Anfang macht die Flüchtlingsbetreuung; doch wenn die Caritas erst einmal richtig kaputtgemacht ist, wird die Arbeit mit Behinderten, Familien in Not, Obdachlosen und Pflegepatienten folgen müssen. Das wird selbstverständlich teuer werden für den Staat. Er wird dabei ohne Geldspenden auskommen müssen, ohne ehrenamtliche Helfer, ohne uns. Stattdessen wird er kommerzielle Firmen beauftragen, die im Unterschied zur gemeinnützigen Caritas tatsächlich profitorientiert sind. Es wird dann weniger Empathie geben, weniger Professionalität und weniger Gemeinsinn.

Ich halte das für keinen guten Plan.

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