Das Semsterzeugnis der vierten Volksschulklasse ist das willkürlichste der gesamten Schullaufbahn. Man sollte Kindern, Eltern und Lehrerinnen die Quälerei ersparen.

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Diesen Freitag ist es in Wien wieder so weit: Den neunjährigen Kindern wird das unnötigste Zeugnis ihres Lebens überreicht. Jenes Stück Papier, das über jene Frage entscheidet, die so wichtig genommen wird wie wenige andere: Mittelschule oder Gymnasium? Oder, anders gefragt: Gehörst du zur guten oder zur schlechten Hälfte der Kinder dieses Landes? Selbstverständlich spielen Bildungsverantwortliche die Bedeutung dieser Aufteilung herunter. Die Mittelschulen seien gute Schulen, sagen sie. Genauso gut wie die Gymnasien, nur halt anders. Dort vier Jahre zu verbringen, sei keine Schande. Auch der aktuelle Bildungsminister wird wieder sagen, was alle Bildungsministerinnen vor ihm sagten: Dass jedem Kind auch nach der Mittelschule die Tür zu Matura und höherer Bildung noch offenstehe.

Ja, das stimmt selbstverständlich in der Theorie. Aber in der Wirklichkeit, speziell in der gelebten Wirklichkeit der urbanen Ballungszentren, stimmt es natürlich ganz und gar nicht. Das wissen natürlich alle Eltern. Und deswegen setzen all jene, die dazu in der Lage sind, sämtliche Hebel in Bewegung, um zu verhindern, dass ihr Kind den gefürchteten Dreier im Zeugnis bekommt, der es vom Gymnasium ausschließt. Man möchte nicht in der Haut einer Volksschullehrerin stecken in dieser Phase. Dem Drängen, Klagen, Betteln oder gar Drohen von Eltern ausgesetzt zu sein, die es in allen anderen Lebensbereichen gewöhnt sind, mit guten Argumenten und/oder Geld zu bekommen, was sie haben wollen. Und man möchte sich gar nicht erst vorstellen, was es mit der Psyche von Kindern macht, wenn sie diese Panik der Eltern spüren: Bloß keinen Dreier! Was für eine unverzeihliche Niederlage das wäre! Mein Mitgefühl gilt allen Kindern, die in diesen Tagen deswegen wieder Tränen vergießen.

Ein Dreier in der Schule x kann freilich etwas völlig anderes bedeuten als ein Dreier in der Schule y; ein Dreier der Lehrerin x etwas anderes als einer des Lehrers y;  und auch der Dreier von Jasmin ist etwas anderes als der Dreier von Lena. Ist es wirklich immer die Intelligenz des Kindes, die den Ausschlag gibt? Oder hat es hier und dort eventuell auch damit zu tun, dass Lehrerinnen überlegen, in welches Milieu ein Kind „besser hineinpasst“? In welcher Schule es sich von seiner Herkunft her „eher zugehörig fühlen“ wird? Oder ob man ihm „Enttäuschungen ersparen“ will? Lehrerinnen meinen es sicher gut, wenn sie bei der Entscheidung berücksichtigen, ob ein Kind fürs Gymnasium mit ausreichend Unterstützung von daheim rechnen kann, sei es mit elterlicher Hilfe beim Vokabellernen, oder mit bezahlten Nachhilfestunden. Doch genau das führt das Leistungsprinzip ad absurdum – das ja eigentlich die Leistung der Kinder, nicht jene der Eltern messen sollte.

Es werden wohl Überlegungen wie diese sein, die Bildungsminister Heinz Fassmann jüngst auf die Idee gebracht haben, zusätzliche Tests schon in der dritten Klasse Volksschule einzuführen, durchgeführt von Instanzen außerhalb der intimen Klasseneinheit, unter dem Namen „Kompetenz- und Potenztialmessung“, kurz K-PM. Diese sollen Eltern und Lehrern objektivere Erkennnisse über die Kinder liefern und die Noten „validieren“. Deutlicher könnte der Minister jedenfalls nicht kundtun, dass auch er weiß, was alle wissen: Dass es kaum willkürlichere Noten gibt als jene im Semesterzeugnis der österreichischen Viertklässler, und kaum ungerechtere Entscheidungen als jene zwischen Mittelschule und Gymnasium.

Fassmanns Idee konsequent weitergedacht, könnte man dann gleich die ganze Volksschule durch einen standardisierten Intelligenztest ersetzen, der die Kinder von Beginn an in verschiedene Schullaufbahnen sortiert. Mit sechs Jahren, drei Jahren – oder gar schon sofort nach der Geburt? Oder aber man lässt die unselige Sortiererei endlich bleiben und lässt die Kinder gemeinsam in die Schule gehen. Ich wäre für letzteres.

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