Wer will, findet einen Job: So dachte auch ich bis vor kurzem. Doch bei der Arbeitsvermittlung ist der Wurm drin. Gesucht werden Arbeitnehmer, die es in der Wirklichkeit kaum gibt.

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65.372 offene Stellen waren im Dezember 2018 in Österreich ausgeschrieben. Da wird doch jeder Jobsuchende fündig werden, der sich bemüht!, dachte ich. Dann sprach ich mit meinem Bekannten A. Ein gesunder Mann Ende zwanzig. Er spricht gut deutsch. Er ist höflich, freundlich, örtlich ungebunden. Er bringt jahrelange Erfahrung aus einer Branche mit, die angeblich permanent Personal sucht – der Gastronomie. In seiner Heimat führte er erfolgreich ein Imbisslokal. Hier in Österreich arbeitete er, ebenfalls erfolgreich, drei Sommer lang in einem Ausflugsgasthaus. Er hat gelernt, Menschen zu verstehen, die Dialekt reden. Er hat viele österreichische Gerichte gelernt, speziell Mehlspeisen, wofür er – wie ich als Testesserin bestätigen kann – besonderes Talent besitzt. A. hat erstklassige Referenzen. Was ihm fehlt, ist: ein Ganzjahresjob. Das kann ja nicht so schwer sein, sagte ich selbstsicher noch vor ein paar Monaten. Jeden Tag steht doch in der Zeitung, dass im ganzen Land händeringend Köche und Küchenhilfen gesucht werden! Inzwischen weiß ich: Ich hatte offenbar keine Ahnung. A. hat mir gezeigt, wieviele Dutzend Bewerbungen er verschickt hat. Auf die meisten kam nicht einmal eine Antwort. Vorstellungsgespräch gab es kein einziges. Tausende Jobs in der Gastronomie sind immer noch unbesetzt – doch für A. ist keiner dabei.

Irgendwo ist da der Wurm drin. Ein rätselhafter Mechanismus scheint Arbeitgeber und Arbeitssuchende voneinander fernzuhalten. Was macht A. falsch? Was hindert Unternehmen, die Köche suchen, daran, A. zu antworten? Ist es sein Name, sein Alter, seine Wiener Adresse, sein Geburtsort, sein Foto, ist es irgendeine Formulierung in seinem Brief? Werden manche Bewerber nach Kriterien – die sowohl A. als auch mir unbekannt sind – von vornherein aussortiert? Haben Firmen vielleicht ein ganz spezielles Bild ihrer erwünschten Mitarbeiter vor Augen, warten darauf, bis genau diese vor ihrer Tür stehen, und weisen alle anderen von vornherein ab? Steckt dahinter vielleicht ein strukturelles Problem?

A. ist ja nicht der einzige Arbeitssuchende, den ich kenne. Bei anderen ist es noch schwieriger, denn nicht jeder ist jung, unversehrt und ungebunden. Die haben Kinder oder andere familiäre Verpflichtungen. Sie sind nicht rund um die Uhr verfügbar oder nur eingeschränkt mobil. Sie haben Lücken im Lebenslauf oder Probleme, die das Leben ihnen eingeschrieben hat: körperliche Defizite, emotionale Schwächen, Ängste. Einer, der viel weiß, ist womöglich schon über vierzig Jahre alt. Eine, die jung und fit ist, kämpft womöglich mit ihrer Schüchternheit. Die einen tun sich mit Grammatik schwer, andere mit Stress. Kurzum: Alle sind ganz normale Menschen mit Macken. Jeder kann zwar irgendetwas, aber keiner ist perfekt.

Viele nicht-perfekte Menschen haben Jobs. Aber einen zu finden, wenn man keinen hat – das erscheint vielen Betroffenen mittlerweile aussichtslos. Die 65.372 offenen Stellen in Österreich sind offenbar für eine ganz spezielle Sorte Bewerber reserviert: Unter 25 müssen sie sein, aber dennoch mehrjährige Berufserfahrung mitbringen. Allgemeinwissen sollen sie haben, und gleichzeitig eine Spezialisierung für genau diesen Job. Eine fertige Ausbildung wäre erwünscht, allerdings bloß keine Überqualifizierung. All das idealerweise kombiniert mit perfektem Deutsch, Kinderlosigkeit, totaler zeitlicher Flexibilität, Bereitschaft zum sofortigen Ortswechsel, hundertprozentiger körperlicher Fitness und der Fähigkeit, vom ersten Arbeitstag an sofort die volle Leistung zu bringen. Wer in dieses Raster nicht hineinpasst, darf auf seine Bewerbung nicht mit einer Antwort rechnen. Und wird in der öffentlichen Debatte schnell „arbeitsunwillig“ genannt.

Ob es 65.372 perfekte Arbeitnehmer in Österreich überhaupt gibt? Oder wäre es den Versuch wert, die nicht-perfekten zumindest einmal kennenzulernen?

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