Nigerianerische Sexarbeiterinnen sind häufig Opfer von Menschenhandel. Ein komplexes System aus Asylgesetzen und Aberglauben macht sie besonders ausbeutbar.

ein report für den falter

„Oba“ heißt König in der Sprache der Edo in Nigeria. Der aktuelle Edo-König heißt Oba Ewuare II. Er tritt nicht häufig öffentlich auf. Aber am 9. März vergangenen Jahres war es wichtig. Der Oba zog ein bodenlanges Kleid aus leuchtend rotem Tüllstoff an, versammelte sämtliche Würdenträger und Journalisten seines Landes, und ließ das Ososomaye, den heiligen königlichen Schrein, aus seinem Palast heraus an die Sonne tragen. Seit 400 Jahren, seit der Regentschaft seines Urururururgroßvaters Oba Ewuare I, war das nicht mehr passiert. Zahlreiche Opfertiere hatte man zur Feier des Tages schon geschlachtet und vor dem Thron aufgeschlichtet: Affen, Hühner, Kaninchen. Rundherum standen beleibte Männer in weißen Kleidern, geschmückt mit Ketten aus roten Korallen, TV-Kameras und Zuschauer, die ihre Handies in die Höhe reckten.

Dann sprach der Oba seinen Fluch: Alle Menschenhändler, die Frauen aus seinem Reich nach Europa schleppen und dort ausbeuten, sollen von den Göttern bestraft werden. Alle Priester des Juju-Kults, die diese Menschenhändler unterstützen, ebenfalls. Sämtliche Schwüre, die Frauen vor Juju-Schreinen leisten, und sich damit zu Gehorsam gegenüber den Menschenhändlern verpflichten, erklärte der Oba mit sofortiger Wirkung für ungültig.

Eine Dreiviertelstunde dauerte die Zeremonie, ab und zu unterbrochen von rasselnden Muschelketten oder Tönen aus Kuhhörnern. Sie wurde per Internet live in alle Welt übertragen und sorgte in den nigerianischen Communities überall für große Unruhe. In Italien, wo in den vergangenen Jahren tausende Nigerianerinnen anlandeten, ebenso wie in Österreich und anderen westeuropäischen Staaten, wo diese Frauen dann auf dem Straßenstrich schnellen Sex für 20 oder 30 Euro anbieten müssen. Wo sie gedemütigt, misshandelt, manipuliert werden und alles Geld an Zuhälterinnen abliefern, um ihre angeblich riesigen Schuldenberge abzutragen.

Nach dem Auftritt des Oba jedoch trauten sich einige Frauen, Hilfe zu suchen. „Sie haben eine riesige Erleichterung gespürt, dass der Schwur, den sie geleistet hatten, endlich gebrochen war“, erzählt Evelyn Probst vom Verein LEFÖ, der Opfer von Menschenhandel betreut. Einigen gelang es tatsächlich, aus dem Milieu auszusteigen. Grace zum Beispiel, die erst 16 war, als sie nach Wien kam. Heute wohnt sie in einer Schutzwohnung, wird psychisch und rechtlich begleitet, und hofft darauf, in Österreich irgendwann ein ganz normales Leben führen zu können, mit Arbeit und Familie.

Es ist ein raffinierte, kompliziert gebaute, beinahe unentrinnbare Ausbeutungsmaschine, in die  nigerianische Sexarbeiterinnen verkeilt sind. Der Spielfilm „Joy“ der österreichischen Regisseurin Sudabeh Mortezai, der eben in den Kinos läuft und auf Festivals einen Preis nach dem anderen abräumt, zeichnet dieses System genau nach: Das dysfunktionale europäische Asylrecht ist daran ebenso beteiligt wie der nigerianische Hexenglaube; ökonomische Zwänge ebenso wie Gehirnwäsche. Oft gehen die Manipulationen so weit, dass sich am Ende gar nicht mehr zweifelsfrei unterscheiden lässt, wer Opfer und wer Täter ist.

Fast jede Geschichte beginnt in Edo State, einer Provinz im Süden Nigerias. Benin City, die geschäftige Hauptstadt, ist mit etwa 2 Millionen Einwohnern so groß wie Wien. Europa ist hier im Stadtbild auf Schritt und Tritt präsent: Auf Plakaten werden Vermittlungsdienste für Visa und Auslandsjobs angepriesen. Auf dem Markt bieten Händler gefälschte Reisepässe und andere Dokumente feil. Gleichzeitig schalten NGOs Kampagnen, die davor warnen, die gefährliche Reise durch die Sahara und über das Mittelmeer anzutreten. Auf Facebook und im erweiterten Familienkreis jedoch kennt fast jeder jemanden, der es in Europa angeblich geschafft hat. Die Facebook-Profile, auf denen Emigranten neben teuren Autos posieren, zeugen davon.

Junge Frauen sind als Kundinnen besonders begehrt. Während Männer die Schlepper vorab bezahlen müssen, gibt es für Frauen ein Rundum-Package: Ein „Sponsor“ übernimmt die Kosten für Reise und gefälschte Dokumente, ein sogenanter „Trolley“  die Reisebegleitung. Im Zielland wartet eine „Madam“, die Zuhälterin, mit einer Unterkunft und einem fixen Job. 2016 kamen laut „International Organisation for Migration (IOM)“ 11.009 Nigerianerinnen übers Mittelmeer; drei Viertel davon wahrscheinlich Opfer von Menschenhändlern  – erkennbar daran, dass sie die Überfahrt nicht selbst bezahlen, und an Land sofort abgeholt werden.

Mit Prostitution könne die Frau die Reisekosten abarbeiten, dann sei sie frei  – so lautet der Deal. Der fiktive Schuldenberg wird auf 20.000 bis 60.000 Euro beziffert – im Lauf der nun folgenden Arbeitsjahre werden oft noch Kosten für Kleidung, Friseur, Wohnen, Handy dazugerechnet. Nach Begleichung der Schuld winkt die Chance, selbst zur „Madame“ aufzusteigen, sich aus Nigeria neue Mädchen zu bestellen (bei etwa 1500€ liegt der aktuelle Tarif) und für sich arbeiten zu lassen. Ehemalige Opfer werden so zu Täterinnen.

Wie aber bringt man die jungen Frauen dazu, diesen Deal tatsächlich einzuhalten? Hier kommt Voodoo in Spiel, das in Nigeria „Juju“ heißt und im Alltagsleben – etwa bei Streitigkeiten oder Vertragsabschlüssen – eine große Rolle spielt. In einem Schwurritual bei einem Priester versprechen die Frauen, sich ihrer „Madame“ unterzuordnen und verschwiegen zu sein. Als Pfand dafür behält der Priester Haare, Fingernägel oder ein blutiges Höschen der Frau in einem Schrein. Bricht die Frau in der Ferne den Deal, beschwört sie damit Krankheit, Unglück und Tod für ihre Familie herauf.

„Die Mädchen haben nie gelernt, Nein zu sagen“, erklärt Joana Adesuwa Reiterer, die mit ihrer NGO „Exit“ Aussteigerinnen betreut. Zur Selbstdisziplin kommt jedoch noch engmaschige Kontrolle. Dabei verlässt man sich auf die Netzwerke der Community. Viele sind eingebunden, viele leisten bezahlte Handlangerdienste. Mit moderner Kommunikationstechnologie ist Beobachtung einfacher denn je. „Du gehst gerade aus dem Haus“, heißt es dann etwa am Handy, „ich sehe, welches Kleid du anhast.“ Muckt eine Frau auf, kann es passieren, dass in der Heimat ihr Haus brennt. Oder ein Angehöriger entführt, festgehalten, verletzt wird. 

1658 Nigerianinnen leben heute in Wien. Einige hundert von ihnen dürften der mehr oder weniger freiwilligen Prostitution nachgehen. Sie wohnen meist in privaten Gemeinschaftsunterkünften und arbeiten auf der Straße oder in einem der 150 registrierten Bordelle. „Fast jedes Laufhaus hat eine Nigerianerin“, sagt Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung des Menschenhandels. 

Prostitution ist in Österreich ein legales Gewerbe – solange es bestimmten Regeln folgt und kein öffentliches Ärgernis erregt. Theoretisch darf keine Zuhälterei und kein Zwang involviert sein. An verschiedenen Orten unterliegt Sexarbeit unterschiedlichsten Vorschriften (in Vorarlberg etwa sind Bordelle verboten; in Wien wurde der Straßenstrich in den vergangenen Jahren aus den Wohngebieten verdrängt, heute hat sich das Geschäft beinahe vollständig in Wohnungen, Clubs und andere Indoor-Etablissements verlagert.) Die Preise für sexuelle Dienstleistungen sind im Keller: Geschlechtsverkehr hinterm Busch oder auf dem Parkplatz kann man heute um 30€ kaufen. Selbstbestimmte Arbeit ist unter diesen Umständen kaum noch möglich, Österreicherinnen gibt es in der Branche fast keine mehr. Dafür ist die Internationalisierung umso weiter vorangeschritten.

An dieser Stelle kommt eine besondere Perfidie des österreichischen Asylrechts ins Spiel: Sexarbeit ist nämlich de facto die einzige Arbeit, mit der Asylwerberinnen ganz legal Geld verdienen dürfen (sie zählt – wie auch Journalismus, Hundetraining oder Fotografie – zu jenen „freien Gewerben“, die man ohne Befähigungsnachweis selbstständig ausüben kann.) Nigerianerinnen stellen also nach ihrer Ankunft sofort einen Asylantrag – (1855 Anträge waren es 2016, zwei Jahre später nur noch 424). Dass die Anerkennungsquote am Ende bloß bei 2% liegt, spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist, dass das Verfahren Monate, oft gar Jahre dauert – in der die Frau Zeit hat, ganz legal auf den Strich zu gehen. Aus dem Erstaufnahmezetrum werden die Frauen direkt von einer Kontaktperson abgeholt. Sie fallen damit automatisch aus der Flüchtlings-Grundversorgung heraus, sind dann auch nicht mehr krankenversichert. Erst beim Gesundheitsamt, wo sich (zumindest einige von ihnen) dann ganz offiziell den „Deckel“ holen, tauchen sie wieder auf.

Die MA 15, das Gesundheitsamt im 3 Bezirk, ist traditionell ein wichtiger Ort, um mit Prostituierten von amtlicher Seite Kontakt zu halten. 2016 wurden dort 45 neue „grüne Karten“ für Nigerianerinnen ausgestellt, im Jahr darauf 33 – wobei vermutlich jeweils mehrere Frauen dieselbe Karte benützen. Beim Erstkontakt ist jeweils ein 15minütiges Gespräch mit einer Sozialarbeiterin vorgesehen, damit die Frauen wissen, an wen sie sich wenden können, falls sie Hilfe brauchen.

Außerhalb von Wien jedoch gibt es solche Angebote nicht. Dort kommt der Amtsarzt für die Untersuchungen manchmal sogar ins Bordell – was den Frauen den Eindruck vermittelt, als arbeite er mit den Zuhältern zusammen. Tatsächlich findet, seit der Wiener Straßenstrich verboten wurde, heute immer mehr Sexarbeit in der Provinz statt, in abgelegenen Etablissements fern aller Ortschaften. Die Frauen werden von Tirol nach Oberösterreich hin- und hergeschoben, auch über Grenzen hinweg nach Italien, Deutschland, Belgien. Immer öfter gehen die „Madames“ auf Distanz und dirigieren ihre Mädchen aus der Ferne. Und immer schwieriger wird es damit für die Frauen, Kontakte zu knüpfen.

„Man warnt sie systematisch davor, Österreichern zu trauen“, erklärt Joana Reiterer. Anna Mayerhofer von der kirchlichen Hilfsorganisation Solwodi, die zwei Wohngemeinschaften für Aussteigerinnen betreibt, hat ähnliches beobachet: „Sie glauben, sich nur auf ihre Landsleute zu verlassen zu können. Wenn sie ein Problem haben, wenn sie krank sind, sind die Madame und ihre Handlanger das einzige vertraute System, das ihnen zur Verfügung steht.“

Die Polizei versucht es trotzdem. „Wenn wir sehen – da geht eine jeden Abend aufgetakelt weg, halten wir Kontakt“, sagt Tatzgern. „Wir versuchen, ihr zu vermitteln, dass wir die Guten sind und dass sie zu uns kommen kann.“ Viel Energie wurde, gemeinsam mit LEFÖ, in den vergangenen zwei Jahren in Polizeischulungen investiert, um Verdachtsmomente für Menschenhandel zu erkennen. Sogar Juju sollte Beamten mittlerweile ein Begriff sein. Aber einschreiten, ohne dass sich ein Opfer als solches zu erkennen gibt? „Das ist gar nicht so einfach“, sagt Tatzgern.

Langsam spricht es sich zwar herum, dass Opfer von Menschenhandel vor Strafverfolgung sicher sind. Häufig sind es Freier, die den Kontakt zu einer Beratungsstelle herstellen. Manche Frauen finden den Weg dorthin selbst – häufig dann, wenn sie schwanger sind. LEFÖ betreute 2017 die Rekordzahl von 97 Nigerianerinnen (Rumäninnen und Chinesinnen folgen auf den Plätzen 2 und 3). Doch das Dilemma ist: Niemand kann einer Frau versprechen, dass sie nach einer Aussage tatsächlich in Österreich bleiben kann. Opfer von Menschenhandel bekommen laut Gesetz nur einen befristeten Aufenthaltstitel für ein Jahr – und das auch nur, wenn ihre Zeugenaussage in einem Gerichtsprozess verwendet wird.

Das muss sich dringend ändern, fordert LEFÖ seit Jahren. Evelyn Probst: „Eine traumatisierte Frau kann nur offen reden, wenn sie weiß, dass sie langfristig in Sicherheit ist.“

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