Das ist meine schwerste Kolumne. Es ist nämlich meine letzte. Danke für die wunderbaren Jahre mit Ihnen!

Mein Abschied von der Presse

Vierzehn Jahre ist es her, seit mich „Presse“-Redakteur Florian Asamer gefragt hat, ob ich diesen Kolumnenplatz füllen möchte. Ich habe sofort zugesagt – ohne freilich ahnen zu können, was für eine lange, abwechslungsreiche Reise das werden würde. Zwischen 700 und 800 Kolumnen müssen seither erschienen sein – eine unvorstellbare Zahl. Ich habe sie an meinem Schreibtisch geschrieben, spätabends am Sofa, an wackeligen Gartentischen, im Zug, im Urlaub. Nie in all dieser Zeit ist ein Text ausgefallen. Ein einziges Mal, vor etwa zehn Jahren, als mich eine schwere Grippe mit hohen Fieberschüben schüttelte, war ich nah dran anzurufen und zu sagen: „Sorry, ich schaff’s nicht!“ Ich fühlte mich dann allerdings zu schwach, um aufzustehen und das Handy zu suchen. Falls das damals ein wirrer Text geworden sein sollte, bitte ich nachträglich um Entschuldigung!

Ich weiß, dass viele Leser und Leserinnen häufig anderer Meinung waren als ich. Umso lieber habe ich für sie geschrieben. Anfangs gab es noch Leser (und hier verwende ich bewusst die männliche Form), die es für eine Provokation hielten, dass „so eine wie ich“ in diesem ehrwürdigen Blatt überhaupt schreiben dürfe. Dass man sich mit derart linkem, grünem, feministischem Zeug auseinandersetzen müsse – so eine Zumutung!, echauffierten sie sich. Man wolle doch, bitteschön, morgens beim Frühstückskaffee nur lesen, was man ohnehin schon denkt! Und wie es denn bloß möglich sei, dass ich trotz des vielen Widerspruchs immer noch weiterbeschäftigt werde? Diesen Lesern muss inzwischen klar geworden sein: Genau dafür sind gute Zeitungen da. Dass sie Räume aufmachen, in denen die Gedanken sich nicht immer bloß im Kreis drehen. In denen Begegnungen passieren, die nicht immer angenehm, aber manchmal wichtig sind. Es ist schön, liebe „Presse“, dass ihr dieses Ideal so konsequent hochhaltet!

Über die Jahre ist mir aufgefallen, wie sich die Beziehung zwischen mir und meinen Leserinnen und Lesern gewandelt hat. Man hat sich aneinander gerieben, manchmal übereinander geärgert – und sich dabei doch irgendwie aneinander gewöhnt. Es interessiert mich immer stärker, wie Menschen, die eine völlig andere Weltanschauung haben, denken – und wie sie zu ihren Überzeugungen gekommen sind. Und immer öfter fragte ich mich beim Schreiben: Welche Anknüpfungspunkte könnte ich zu ihnen finden? Gibt es, trotz aller Gräben, irgendwelche Alltagserfahrungen oder gemeinsame Ideale, die wir teilen? Jene Leserinnen und Leser, die mir Emails geschickt haben, waren mir dabei immens wichtig. Und die schönsten Momente waren stets jene, wenn jemand schrieb: „Ich ärgere mich zwar fast immer über Sie, aber diesmal verstehe ich Sie.“

Zwei weitere interessante Beobachtungen: Die wutschäumendsten Menschen sind ganz perplex, wenn man ihnen höflich antwortet – oft folgen dann sogar erklärende, sanfte Worte mit einer Entschuldigung. Und jene, die voll der Entrüstung über „untragbare Zustände“ oder „skandalöse Vorfälle“ erzählen (meist im Zusammenhang mit Ausländern/Muslimen/Flüchtlingen), werden abrupt still, wenn man sie nach konkreten Details fragt. Es sind halt doch meistens keine Geschichten aus dem echten Leben, sondern aus dem Internet.

Die wichtige Lehre daraus gilt für uns alle: Menschen mit anderen Meinungen kann man nicht einfach wegmobben, zum Schweigen bringen oder ausweisen („geh’ doch nach drüben“, sagte man in der BRD, als es die DDR noch gab; und in der DDR sperrte man sie ein.) Hinter jeder Weltanschauung verbirgt sich eine Lebensgeschichte, von der wir, vice versa, keine Ahnung haben. Dennoch leben wir alle in diesem Land, wählen hier, und müssen schauen, dass wir irgendwie miteinander zurande kommen.

In diesem Sinn: Danke, liebe Presse, dass du diese Beziehung über all die Jahre ermöglicht hast! Es war ein wunderbarer Job, dem ich in manchen Stunden sicher noch nachweinen werde.

Und an meine Leserinnen und Leser: Sie werden mir fehlen. Adieu.

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