Wien, März 1995: Zuhören und da sein

Ich wohnte im Stuwerviertel im 2. Bezirk, als Jörg Haider Mitte der Neunzigerjahre seine ersten überraschende Wahlerfolge einfuhr. Das Stuwerviertel war damals keine schicke Gegend. Schlenderte man hungrig über den Vorgartenmarkt, hatte man nicht – wie heute – die Wahl zwischen Joseph-Brot und Mochi, sondern nur zwischen zwei Tranklerhütten, vor denen finster dreinblickende Kampfhunde in der Sonne dösten. Am hellichten Tag warteten im Stuwerviertel junge Mädchen an den Straßenecken und stiegen zu fremden Männern ins Auto ein. An der Donau standen große Gemeindebauten, auf den beschatteten Querstraßen Zinshäuser, unsaniert. Nur mit viel Phantasie hätte man sich vorstellen können, wie das Grätzel heute aussieht.

In meinem Sprengel fuhr die FPÖ damals ihr bestes Wiener Ergebnis ein. Ich wollte wissen: Warum? Ich machte mich auf die Suche. Ging in die Bäckerei, zum Friseur, in die Putzerei. Am liebsten besuchte ich die Trafikantin in meinem Haus. Damals rauchte man in Trafiken noch. Es gab Briefmarken und Brieflose. Man kam, um zu tratschen und blieb länger als notwendig. „Die da oben haben uns vergessen“, sagten die Leute in der Trafik. „Uns hört keiner zu.“ „Der Sperrmüll vor der Tür ist seit Wochen nicht abgeholt.“ Oder: „Alles Ganuer, die Politiker.“

Eine jener Trafik-Szenen ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Eine Frau, Mitte vierzig wird sie gewesen sein, erzählte von ihrem Job (Teilzeit, bei der Gemeinde), ihrer Wohnung (zweieinhalb Zimmer, Gemeindebau), und ihrer Küche. Die Küchenfliesen lösen sich von der Wand, eine nach der anderen, klagte sie. Beim Hausmeister habe sie es bereits gemeldet, bei der Gemeinde, bei der SPÖ. Aber niemand kümmere sich darum. Niemand fühle sich zuständig. Immer mehr redete sich die Frau in Rage. „Denen sind wir wurscht!“, rief sie schließlich, und schob mit triumphierendem Unterton nach: „Deswegen wähle ich jetzt die FPÖ!“

Ich weiß noch genau, wie perplex ich damals war. Meine Wohnung (Altbau, unsaniert), kostete deutlich mehr als die Wohnung dieser Frau. Auch meine Küche war in schlechtem Zustand. Dennoch wäre ich nicht im Traum auf die Idee gekommen, irgendjemand anderen für das Anpicken meiner Fliesen verantwortlich zu machen. Und glaubte die Frau wirklich, das Problem würde sich lösen, wenn die FPÖ regiert?

Verstanden habe ich die Sache erst, als ich, viele Jahre später, Herrn L. kennenlernte. Herr L. ist Hausmeister im Gemeindebau, einer der letzten seiner Art. Er sorgt für Ordnung in den Müllräumen und in den Waschküchen, welchselt Glühbirnen, schaufelt im Winter Schnee und recht im Herbst das Laub zusammen. Vor allem aber: „Ich bin halt da, falls jemand reden will.“ Und das wollen viele. Es geht um Lärm, Schmutz, Hunde, nicht grüßende Nachbarn, Gerüche, Sperrmüll. In jedem einzelnen dieser Mikrokonflikte steckt ein Keim, der sich zu Grant, Feinseligkeit und tiefen Kränkungen auswachsen kann. Zu Hass auf „die Politik“. Auf „die da oben“. Auf jene, die „sich nicht um uns kümmern“. Und zu Rachegefühlen. „Ich bin der Blitzableiter“, sagte Herr L. damals, lässig auf seinen Rechen gestützt. „Den brauchen die Leute, glauben Sie mir.“

Inzwischen weiß ich, dass Herr L. Recht hatte. Im Stuwerviertel hat sich vieles verändert, seit ich weggezogen bin. Viele gesellschaftliche Veränderungen haben sich im kleinen niedergeschlagen. Am Vorgartenmarkt gibt es heute Bio-Gemüse, viele Dachböden sind ausgebaut, wohlhabende Jungfamilien zugezogen. Der Straßenstrich ist verschwunden, Universitäten sind da. Die Alleen sind schattig wie immer, man ahnt die Nähe der Donau.

MeiWas für ein schönes Viertel! Was für ein gutes Leben man hier führen kann, auch mit wenig Geld! Aber ja – einen Blitzarbeiter braucht man immer noch. Jemanden, der da ist und zuhört.

 

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