Weinviertel, September 2016: Schnitzel wachsen nicht auf Bäumen

Die Kinder essen gern Würstl. Heute gibt es Debreziner, fein gewürzt, dazu gibt es Fisolen. Normalerweise schlingen bei uns alle das Essen immer schnell hinunter. Heute jedoch kauen die Kinder bedächtiger. Morgen, so habe ich ihnen versprochen, fahren wir ins Weinviertel zum Schweinebauern, um persönlich dabei zu sein, wenn ein Schwein geschlachtet wird.

„Wer Fleisch isst, sollte wissen, dass Fleisch nicht auf Bäumen wächst“, sagt die Köchin Sarah Wiener, die heute für die Grünen im Europaparlament sitzt; „Hinter jedem Schnitzel steckt ein Tier, das gelebt hat.“ Sie hat Recht. Deswegen stehen wir am nächsten Tag in der Spätherbstsonne auf einem weiten, ebenen trockenen Feld, und beobachten eine Schweineherde von etwa dreißig Tieren, die sich lustvoll im Staub wälzen. Welches wird es denn werden? Das braune oder das rötlich-blonde? Das neugierige, das scheue, das hübsche, oder lieber den Draufgänger? Die Entscheidung über Leben und Tod – „ein Horror“, sagt meine Tochter.

Der Bauer geht die Frage pragmatischer an. Er schätzt mit Kennerblick das Gewicht der Tiere ab und entscheidet erst im allerletzten Moment. Dann geht alles sehr schnell. Er fixiert ein dunkelgraues Tier mit einem Drahtgestell, die Bäuerin hält es an den Ohren, der Bolzenschuss geht direkt in die Stirn. Den Kindern entfährt ein kurzer Laut des Erschreckens. Doch da liegt das Tier schon zuckend am Boden, und das Blut schwappt in  rhythmischen Wellen aus seiner aufgeschnittenen Schlagader.

Zehn Sekunden hat die Angst des Tieres gedauert. Zehn Sekunden zwischen glücklichem Fressen und Totsein. Je schneller alles geht, desto besser für alle Beteiligten, sagt der Bauer. „Man kann Stress im Fleisch erkennen, und schmecken tut man ihn auch“, ist er überzeugt. Zehn Sekunden Tierstress nimmt man in Kauf, um bei dieser traditionellen, artgerechnten Schlachtungsweise Würstl zu essen. Bei Würsteln aus industrieller Produktion dauert der Stress Stunden, Wochen, Monate: Die Fixierung in engen Kastenständen. Das Kupieren der Schwänze. Die Spaltböden. Die Turbo-Mast. Verhaltensstörungen, Verletzungen und Entzündungen. Und schließlich der endlose Transport und die Panik auf dem Schlachthof. Menschen, die auf einem Bauernhof aufgewachen sind, wissen das wahrscheinlich alles. Ich und meine Kinder, Stadtmenschen allesamt, wussten es bisher theoretisch, aber konkret gespürt hatten wir es bis zu diesem Tag nicht.

Wir essen heute immer noch Fleisch. Würstl, Schnitzel, Speck, ab und zu einen Braten. Doch der kurze Gedanke daran, wo das Stück eigentlich herkommt, lässt sich vom Tellerrand nicht mehr verscheuchen. Dann hat man, bevor man ins Würstel beißt, nur noch die Wahl: Man kann entweder das Bild einer Tierfabrik vor Augen haben. Oder das Bild vom weiten Feld am Waldrand, in der Spätsommersonne, mit dem genussvollen Grunzen.

Ich esse weniger Fleisch seit diesem Tag. Ich zahle mehr dafür als früher. Ich kaue ein bisschen langsamer. Doch dann? Schmeckt es mir besser als je zuvor.

 

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