Slowakei, Mai 2013: Die unsichtbaren Betreuerinnen

Romana B. ist eine verständnisvolle, nachgiebige Frau. Wahrscheinlich muss man sagen: Zu verständnisvoll, und zu nachgiebig. Sonst hätte der Ex-Mann nicht heimlich den Familienschmuck entwenden können, um seine Spielsucht zu finanzieren. Und sie auf seinen ganzen Schulden sitzengelassen, als er sich schließlich aus dem Staub machte. Ich habe Romana B. kennengelernt, als sie eben versuchte, ein bisschen Ordnung in das unverschuldete Chaos ihres Lebens zu bringen. Eigentlich hatte sie daheim in der Zentralslowakei Sonderschullehrerin gelernt. Aber nur in der 24-Stundenbetreuung konnte sie genug verdienen, um die Schulden abzustottern. Sie ließ ihre zehnjährige Tochter in der Obhut der Großeltern zurück und ließ sich von einer Agentur nach Wien vermitteln. Romana B. kam als 24-Stunden-Betreuerin zu unserer Mutter.

Sie ist in diesen Jahren eine Vertraute geworden, die mehr intime Details über unsere Familie weiß als die meisten Verwandten. 24-Stunden-Betreuerin zu sein, ist nämlich kein Job, den man mit Dienstschluss hinter sich lassen kann. Man geht dabei eine enge Beziehung ein. Mit einem Menschen, der allein nicht mehr zurechtkommt – aber die Erinnerung an ein selbstständiges Leben womöglich noch mit sich herumträgt, und mit seinem Verlust hadert. Man trägt umfassende Verantwortung – für sein körperliches Wohlbefinden und seine Stimmung. Man verbringt sehr, sehr viel Zeit miteinander. Man wohnt zusammen, manchmal sogar in unerträglicher körperlicher Nähe. Die Betreuerin ist dabei sehr oft sehr einsam. Und bekommt kaum Unterstützung – nicht von den meisten Agenturen, nicht von der Wirtschaftskammer, nicht von den Behörden, von keiner Gewerkschaft, und auch vom Gesetzgeber nicht.

Anders als vor hundert Jahren, als das „Hausangestelltengesetz“ den Dienstboten zumindest das Recht auf ein eigenes versperrbares Zimmer und zwei Stunden Pause pro Tag zuerkannte, gibt es für eine Betreuerin heute nichts von alldem. Sie ist ja schließlich selbstständige Unternehmerin.

Dass die Versorgung alter und pflegebedürftiger Menschen in Österreich nicht längst zusammengebrochen ist – das ist Menschen wie Romana B. zu verdanken. Sie springen dort ein, wo Familien nicht mehr weiter wissen, und wo öffentliche Institutionen sich nicht zuständig fühlen. Im Business-Jargon kann man sagen: Ein Problem wird dauerhaft outgesourced. Einfacher ausgedrückt: Es wird unsichtbar gemacht. Das Leben der Betreuerinnen, ihr Stress, die eigenen Familienkonflikte, die der Zwei-Wochen-Schichtdienst mit sich bringt, und die Ausbeutung, die häufig passiert – all das geht Österreich nichts an. Wir benützen die Frauen, solange sie können. Wenn sie erschöpft sind, ausgebrannt, dann bleiben sie irgendwann einfach zu Hause, in ihrem slowakischen oder rumänischen Dorf. Und wir holen uns eine Neue.

Ich bin fest überzeugt: Das kann keine Dauerlösung sein. Zwar will niemand von uns gern dran erinnert werden, selbst einmal alt, krank und pflegebedürftig zu werden. Aber Überraschung: Es wird den meisten von uns nicht erspart bleiben. Und es wäre günstig, sich darum zu kümmern, fairere, wertschätzendere und menschenwürdigere Modelle dafür zu entwickeln – rechtzeitig, ehe wir dement sind.

Romana B. hat inzwischen übrigens bei der Caritas eine Pflege-Ausbildung gemacht, die Prüfung bravourös bestanden, einen Job als Heimhelferin bekommen, und ihre Tochter nach Wien geholt. Sie hat jetzt endlich eine eigene kleine Wohnung, in der sie nach Dienstschluss ihr eigenes Leben führen kann. Ohne private Hilfe wäre das nicht möglich gewesen – denn Österreich bietet Betreuerinnen keinerlei Unterstützung für diesen Wechsel in reguläre Pflegeberufe, obwohl wir sie, mit all ihrer Erfahrung, dort sehr gut brauchen könnten. Da geht noch mehr!

 

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