Wien, 2. Bezirk, April 2018: Draußen vor der Tür

S. ist 15 Jahre alt, als ich sie zufällig kennenlerne. Sie hat prächtige dunkle Locken, ein breites Lächeln und neugierig blitzende Augen. Sie hat eine Frage. „Ich würde so gern österreichische Menschen kennenlernen. Können Sie mir helfen?“ 

Mich überrascht die Frage. Ist S. gerade erst in Wien angekommen? Ist sie vielleicht auf Urlaub in Wien? Nein, sagt S.: Sie lebt schon seit drei Jahren hier. Sie wohnt um die Ecke von mir, in einem normalen Zinshaus, geht in eine normale öffentliche Schule. Doch außer ihren Lehrern hat sie hier nie jemanden kennengelernt, der deutsch als Muttersprache spricht, weder Jugendliche noch Erwachsene. Außerdem würde sie gern Fußball spielen und Gitarre lernen. „Kann man das irgendwo machen in Wien?“ 

Was S. über Österreich weiß, weiß sie ausschließlich aus dem Geographieunterricht. „Österreich ist bekannt für seine Seen, die Donau, die weite Bergwelt, die im Sommer zum Wandern, im Winter zum Schifahren einlädt, und für seine gutbürgerliche Küche“: So hat S. das in ihre linierte Mappe geschrieben, in ordentlicher Schrift, mit grünen Unterstreichungen. Aber was es bedeutet, weiß sie nicht. Die Berge, die Seen, die „gutbürgerliche Küche“ – keine Ahnung. „Was essen Österreicher?“ fragt S. Noch nie hat sie ein Einheimischer zum Essen eingeladen.

Ich bin verblüfft. Wie ist das möglich?

In den 17 Monaten, in denen Türkis-Blau regierte, war viel von „Integrationsverweigerung“ die Rede. Ausländer, so sagte diese Regierung häufig, lebten gern in „Parallelgesellschaften“.  Wollten nicht wirklich dazugehören in Österreich. Schlügen all gutgemeinten Angebote der Mehrheitsgesellschaft aus. Am Islam liege das. Oder an mangelndem Leistungswillen. 

Ist S. also faul? Keineswegs. Sie hat die ordentlichsten Schulhelfte, die Eltern je gesehen haben. Sie hat große Pläne: Matura machen, Medizin studieren, Chirurgin werden. Sie ist Klassensprecherin. Mit Youtube-Videos versucht sie, sich selbst ein bisschen Spanisch beizubringen. 

Hat S. also vielleicht Fundi-Eltern? Ich besuche S. zu Hause und merke: Nein, auch daran liegt es nicht. Vater und Mutter sind Kurden – herzliche, patente Leute, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben. Muslime, aber nicht strenggläubig, man fastet ein bisschen im Ramadan, Kopftuch trägt hier niemand. Versuchen sie, ihre Tochter absichtlich von der Welt draußen fernzuhalten? Aber nein. Sie sind stolz auf ihre intelligente Tocher, würden sie gern unterstützen. Aber sie wissen nicht, wie. Mit der Sprache tun sie sich schwer, mit dem Internet ebenfalls. Kontakte haben sie keine. 

„Geh auf die Straße und sprich jemanden an“, lautete der hilflose Ratschlag ihres Vaters, etwas Besseres fiel ihm nicht ein. Das hat S. tatsächlich einmal versucht, und bekam von einer Passantin eine ruppige Antwort. Seither hat sie es nicht mehr versucht.

Die Politik diskutiert über Mädchen, die sich weigern, am Schulschwimmen teilzunehmen. S. und ihre Schwester wünschen sich jedoch nichts dringender, als endlich schwimmen zu lernen: „Gibt es Kurse in der Donau?“ Die Politik diskutiert über Mädchen, deren Eltern ihnen verbieten, auf Landschulwoche mitzufahren – doch S. fiebert schon seit Monaten dem Schulausflug im Juni entgegen. Ein einziges Mal war S. bisher im Wald. Zwei Stunden lang stapften sie bei am Wandertag über Stock und Stein, S. Augen leuchten, als sie davon erzählt. Ob ich bitte herausfinden könne, wie der Ort mit dem Wald heißt? „Es gibt auch in Wien Wald!“, sage ich. „Wirklich, wo?“, fragt sie staunend.

S. hat gehört, dass sie ins Gymnasium gehen müsste, um Ärztin zu werden. Aber wie kommt man dorthin? In ihrer NMS-Klasse, ausschließlich Migrantenkinder, gibt es niemanden, der das wüsste. Ihr fehlt nicht nur die Sprachpraxis, ihr fehlen auch die vielen Erfahrungen, die man braucht, um dazuzugehören. Wo treffen sich einheimische Jugendliche? Wie meldet man sich für Singen, Tanzkurs oder Nachhilfe an? Wo ist ein Museum? „Schule, Park, zu Hause“ ist S.s Leben an Werktagen. „Park, zu Hause, Park“ ist ihr Leben am Wochenende. Freitags ist die Schule gar schon um 11 Uhr 40 aus. S. ist das alles zu wenig. „Warum kann man in Wien nicht auch am Nachmittag lernen?“ fragt sie. Die Antwort lautet: Weil es Ganztagsschulplätze nur für Kinder gibt, deren Eltern berufstätig sind. Private Kurse nur für Kinder, deren Eltern zahlen. Und Gratisangebote nur für jene, die genau wissen, wo sie suchen müssen.

Ja, Wien hat eine gute öffentliche Infrastuktur. Ein Bildungssystem, das durchlässig ist und jedem die Chance auf eine gute Ausbildung gibt. Theoretisch stehen einem in diesem Land alle Türen offen.

Erst durch S. habe ich begriffen, wie schwierig es trotz allem sein kann, diese Türen zu finden. 

 

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