Chicago, Juli 1996: Amerika lieben, Amerika hassen

Das Angebot der amerikanischen Botschaft kam überraschend. Es gebe da ein Programm, zu dem junge Journalistinnen und Journalisten aus der ganzen Welt in die USA eingeladen werden. Man habe vier Wochen Zeit, bekäme alle Ausgaben bezahlt, und dürfe Reiseroute und Programm frei wählen. What do you want to see, Sibylle?

Sehr witzig, dachte ich zunächst. Eine PR-Einladung auf Staatskosten – die werden mich doch nicht aussuchen lassen, was ich sehen darf? Welches Land würde schon freiwillig seine hässlichsten Seiten herzeigen? Würde die österreichische Bundesregierung eine derartige Einladung aussprechen, das Programm wäre klar: Salzburg, UNO-City, ein Opernbesuch und nachher Sachertorte. Aber man kann die Amerikaner ja mal beim Wort nehmen. Viel war in jener Zeit von der Crack-Epidemie in den USA die Rede, von der Gewalt in den Innenstädten und dem kaputten Justizsystem. Keck schrieb ich auf meine Wunschliste: Einen Besuch in einem Hochsicherheitsgefängnis. Eine Fahrt mit einer Polizeistreife in einem Armenviertel. Und ich würde gern die Frage klären, wieviele Menschen in den USA unschuldig hingerichtet werden.

Die Antwort kam prompt: Flugtickets, die Telefonnummern lokaler Ansprechpersonen in jeder Stadt, die Adressen privater Gastgeber, bei denen ich wohnen würde, plus Schecks fürs Taschengeld. Bald schon stand ich im Stateville Correctional Center von Illinois, in einem kreisrunden Atrium, in dem die Zellen in vielen Stockwerken übereinandergeschlichtet waren. Die Häftlinge johlten, rüttelten an den Gitterstäben, spuckten auf mich herunter. Zu Beginn der Nachtschicht stieg ich mit einem Polizisten und einer Polizistin in einen Streifenwagen und fuhr durch die South Side von Chicago – wir wurden wegen häuslicher Gewalt in eine der berüchtigsten Sozialwohnsiedlungen gerufen, und ich musste die Taschenlampe halten, während die Beamten versuchten, einen wildgewordenen Mann von seiner Frau und seiner zeternden Schwiegermutter zu trennen.

Schließlich traf ich eine widerständige Forschergruppe an einer Universität, die in akribischer Kleinarbeit Fehlurteile der Justiz aufdeckte. Mithilfe der damals ganz neuen DNA-Analysen wiesen sie nach, dass vermeintliche Mörder jahrelang unschuldig in Todeszellen saßen, und dass bei ihren Verurteilungen oft systematischer Rassismus am Werk gewesen war.

Warum bloß zeigen Sie mir das alles?, entfuhr es mir da irgendwann. Wollten Sie mir mit diesem PR-Programm nicht beweisen, wie großartig Amerika ist, ein Vorbild für die ganze Welt? Doch in diesem Moment hatte ich mir die Antwort bereits selbst gegeben. Genau in dieser Offenheit liegt die Stärke dieses Landes.

Liegt? Oder lag?

Ich habe viel mit Amerika gehadert seither. Doch es ließ mich nie los. Zwei Jahre lang schlug ich mich in New York als Freiberuflerin durch. Ich hatte kaum Geld. War nicht krankenversichert, teilte meine winzige Wohnung mit Kakerlaken. Telefon und Modem funktionierten nur erratisch, weil der Verteilerkasten im Freien hing und es in die Anschlüsse regnete – seither weiß ich, war eine gute öffentliche Instrastruktur wert ist. Ich litt oft schreckliche Einsamkeit, habe die Verstörung nach 9/11 erlebt, die ratlose Frage meiner amerikanischen Freundinnen: „Warum hasst uns die Welt bloß?“ Dann kamen sinnlose Kriege. Guantanamo. Trump.

Meine ReDoch ich weiß ganz sicher: Das wunderbare Amerika, das ich liebe, gibt es noch. Es ist stärker als das hässliche. Und bald ist es wieder da.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.